Archäologie als Nische für den Tourismus

Lagebericht für das Wallis

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Freizeitaktivitäten
Archäologie als Nische für den Tourismus

Die Nischen werden immer zahlreicher, sowohl in Bezug auf die Zielgruppe (Singles, Frauen, Rucksacktouristen, Familien, Senioren, Freundinnen, Frischverheiratete, Generation Y usw.) als auch in Bezug auf die Produkte (alles, was Begeisterung auslöst oder sich als Freizeitaktivität eignet, z. B. Kochen, Vogelbeobachtung, Kunst, Geschichte, Archäologie, Musik, Religion, Wein, Sport usw.). Was das Angebot im Wallis angeht, so wurden scheue Versuche im Kultur-Tourismus, aber auch im Bereich der Vogelbeobachtung und des Geo-Tourismus unternommen.

Kulturerbe im Dornröschen-Schlaf

Auf dem Gebiet der Archäologie besteht bereits seit längerem ein Angebot in der Schweiz. Es ist aber auf einen eher engen Kreis ausgerichtet und beim breiten Publikum unbekannt, was eigentlich erstaunlich ist, denn die archäologische Forschung der Schweiz wird in Fachkreisen auf internationaler Ebene einhellig gelobt. Dass die Archäologie hierzulande bisher nicht als Ressource für den Tourismus erkannt wurde, hat verschiedene Gründe, die wir hier nicht erörtern. Wichtig ist uns vielmehr festzuhalten, dass seit den letzten Jahren in der Schweiz und auch im Wallis Initiativen erkennbar sind,  welche die Bedeutung des schlafenden bzw. vergessenen Kulturerbes aufzeigen, das aus historischen und prähistorischen archäologischen Funden besteht.  Ein Vergleich mit dem Dornröschen-Schlaf drängt sich auf, zumal es anderswo, zum Beispiel in der Bretagne unvorstellbar wäre, sich in der Region zu bewegen, ohne nicht wenigstens den Menhiren von Carnac einen Besuch abzustatten.  

Saint-Maurice im Louvre!

Die Abtei von Saint-Maurice im Wallis ist bezeichnend für diese Situation. Im September 2014 feiert diese bis heute aktive religiöse Institution nämlich ihr 1500-jähriges Bestehen und die Klostergemeinschaft hat eingewilligt, dass für die Zeit der Restaurationsarbeiten im Hinblick auf den aussergewöhnlichen Geburtstag der Abtei die bedeutendsten Stücke ihres Schatzes im Louvre ausgestellt werden. Diese Kostbarkeiten haben auf wunderbare Weise die zahllosen Prüfungen, der Saint-Maurice im Lauf der Jahrhunderte ausgesetzt war, überstanden. Ausgestellt im Louvre in Paris? In einem der berühmtesten Museen der Welt? Was für eine ausserordentliche Werbeaktion für das neue Kleinmuseum der Abtei von Saint-Maurice und die umliegende Tourismusregion! Die Ausstellung im Louvre hat ins Bewusstsein gerufen, wie sehr der Schatz von Saint-Maurice in Vergessenheit geraten und fast völlig aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden war.  Bei ihrer Ankündigung wurde zahlreichen Wallisern der unschätzbare Wert des Kulturguts wieder klar, und damit auch, dass der internationale Ruf des Schatzes sich für eine touristische Nutzung geradezu anbietet. Eine faszinierende Aufgabe, denn das spirituelle Leben im Kloster und die kommerzielle Nutzung des Orts wollen gleichermassen berücksichtigt sein. 

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Sitten – eine fantastische archäologische Stätte,  die touristisch immer noch brach liegt

In den Augen einiger Betrachter schlummern weitere kaum beachtete Schätze in unseren Museen oder unter dem Erdboden. Nehmen wir nur die Stadt Sitten, für die Spuren menschlichen Daseins bereits vor 7000 Jahren, noch vor dem Neolithikum in dieser Region nachgewiesen wurden. Die megalithischen Denkmäler aus dem Neolithikum, die Gemeinschaftsgräber und die Gedenksteine mit Gravuren sind unbestritten die wichtigsten und auch die spektakulärsten Funde dieser ausserordentlichen archäologischen Stätte. Wie der Schatz der Abtei von Saint-Maurice gehören sie zum kulturellen Erbe der Menschheit – international anerkannt, aber lokal wenig bekannt. Womöglich erklärt die Tatsache, dass ihre Entdeckung noch gar nicht so lange zurückliegt, höchstens einige Jahrzehnte, dass diese Kulturdenkmäler im kollektiven Gedächtnis noch keine Wurzeln schlagen konnten. Die wenigen Stücke, die bisher zur Geltung gebracht wurden, genügen nicht, um sich eine konkrete Vorstellung der ausserordentlichen Bedeutung dieses archäologischen Erbes machen zu können. Wer wird Dornröschen wecken?

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Kulturgüter als Touristen-Magnete

Es ist absolut möglich, diese Kulturgüter als touristische Anziehungspunkte zu nutzen. Davon sind Kenner und Tourismusexperten überzeugt, die ihre Überlegungen in einer Publikation mit dem Titel „Archaeotourism – Archäologie und Tourismus in der Schweiz“ veröffentlicht und dazu Beispiele von kürzlich realisierten Umsetzungen angeführt haben. In unserem nächsten Beitrag stellen wir ein paar innovative Ideen daraus vor.

Nachweise

Titelbild: Gedenksteine der Nekropole „Petit-Chasseur“, wie sie heute in Sitten ausgestellt werden. Foto: Walliser Geschichtsmuseum, Robert Hofer.

Cynthia Dunning, Annemarie Willems (eds) 2013. Archaeotourism: Archäologie und Tourismus in der Schweiz / Archéologie et tourisme en Suisse. Konferenzband zur Tagung in  Thun. Zweisprachig (Deutsch und Französisch), Biel-Bienne, 109 S.

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