Der Tourismus profitiert vom Ende der Standardisierung und der Massenproduktion

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Der Tourismus profitiert vom Ende der Standardisierung und der Massenproduktion

Als wichtiges Standbein der Tourismus-Industrie hat sich das Übernachtungsangebot der Hotellerie in den letzten Jahrzehnten glänzend entwickelt. Vor allem die Hotelketten haben profitiert. Deren Erfolg liegt darin begründet, dass ihr Bekanntheitsgrad für den Konsumenten beruhigend wirkt. Wenn ein Kunde in einem Hotel ein Zimmer reserviert, das zu einer Kette gehört, weiss er ganz genau was ihn erwartet, ob er nun nach Paris, New York oder an eine Ferien-Destination reist.

Die Entwicklung des Internets hat das Erscheinen neuer Übernachtungsformen auf Reisen begünstigt, wobei ganz präzise Kriterien in Bezug auf den Preis, die Qualität und den Komfort erfüllt werden können. Neue Akteure sind am Markt und man kann von einer eigentlichen Revolution sprechen.

Ende 2013 kündigte Airbnb (Community-Marktplatz auf dem Internet) seine Absicht an, mit den bekannten Hotelketten in Konkurrenz zu treten. Auf den ersten Blick erscheint die Strategie intelligent und gut durchdacht: eine Art Kampf „David gegen Goliath“. Allerdings scheint sich das Kräfteverhältnis schnell zu ändern: 326 Millionen Dollar soll Brian Chesky abgeschöpft haben (CEO von Airbnb). Man kann sich also auch vorstellen, dass die in San Francisco gegründete Organisation sehr schnell zu etwas anderem übergeht, als einfach die Möglichkeit anzubieten, in einer Grossstadt für nur 25 Dollar zu übernachten, indem man z. B. sein Zimmer mit anderen Personen teilt.

Sparfaktor "Selbstbedienung"

In der Tourismus-Sparte und insbesondere beim Übernachten bestätigt Airbnb eine Tendenz, die immer mehr Aufmerksamkeit erregt. Einige weisen auf die zunehmende Selbstbedienungsmentalität hin; Investoren im Bereich Risikokapital wie Hermant Taneja (http://www.generalcatalyst.com) sprechen von einem umgekehrten Skaleneffekt; Brian Chesky meint eine Wiederentdeckung der dezentralisierten Produktion ausmachen zu können und der bekannte Unternehmer, Investor und Informatiker Marc Andreessen hat in seinem Manifest "Why Software is Eating the World" ein eigentliches Konzept aufgedeckt.

Alle Sichtweisen decken sich jedoch in Bezug auf eine gemeinsame Feststellung: Die Informationstechnologien nagen unaufhörlich an der Macht und somit an den Vorteilen der Massenproduktion. Dank der Möglichkeiten des Internets und im Zuge einer entschiedenen Ablehnung der Massenprodukte tendiert die wirtschaftliche Organisation gegenwärtig hin zu einer grossen Anzahl kleiner, aber hoch spezialisierter Produzenten.

Die Macht der Informationen

Tatsächlich wurde die Entwicklung der Hotelketten durch einen akuten Mangel an Informationen begünstigt. In der Mitte des vorigen Jahrhunderts, als die Reisetätigkeit sich intensivierte, hatten die Kunden nur sehr wenig Möglichkeiten, sich zu informieren, um das Angebot an Übernachtungsmöglichkeiten in der Zielregion zu überschauen. Um 1950 erschienen zwar zahlreiche Reiseführer auf dem Büchermarkt, aber die Informationen zu diesem Punkt blieben äusserst lückenhaft

Die Hotelketten profitierten von dieser Situation: Sie priesen ihre Marke an, die auf die Kunden beruhigend wirkte. Für den einzelnen Kunden war zweifellos jeweils die beste Überraschung, keine Überraschung zu erleben. Lange Zeit waren die Einheitlichkeit und die Komfortgarantie eines Kettenhotels dem Kunden so wichtig, dass unabhängige Unterkunftsanbieter, die der Kunde mit einem Unsicherheitsfaktor verband, nicht dagegen ankommen konnten. Die Macht einer Hotelkette ermöglichte eine viel weitere und effizientere Verbreitung der Informationen als dies für Einzelkämpfer möglich war. Zwischen den Hotels einer Kette und unabhängigen Betrieben öffnete sich eine Kluft. Dieser Graben trieb die Ketten dazu, ihre Dienstleistungen noch mehr zu vereinheitlichen, so dass die Branche heute von einigen ganz Grossen, wie Hilton, Marriott und Starwood, beherrscht wird.

Neulinge auf dem Markt, wie z. B. Airbnb, sind davon überzeugt, dass die grossen Hotelketten gar nie aufgekommen wären, wenn die Informationstechnologien schon früher existiert hätten, oder aber sie hätten heute ein ganz anderes Gesicht. Brian Chesky will nun eine angepasste Lösung bieten, die dazu beiträgt, die "Kluft zu überwinden".

Die Kluft überwinden

Seitdem sie begriffen haben, welch fatales Schicksal die neuen Konsumenten standardisierten Produkten bereiten werden, arbeiten die Hotelketten vermehrt mit dem Ansatz der Boutique-Hotels. Einerseits lässt sich feststellen, dass Hotelketten sich dem neuen Zeitgeist anpassen möchten, andererseits wird Airbnb immer mächtiger und hat inzwischen, quantitativ gesehen, die grossen Hotelketten eingeholt

Allerdings ist es mit der Zimmerzahl allein noch nicht getan. So konzentriert Airbnb in letzter Zeit seine Anstrengungen auf die Kernelemente, welche die Internetsurfer zu beruhigen vermögen und sie vor jeder schlechten Überraschung bewahren. Die wichtigsten Kritiken seitens der Gegner von Airbnb betreffen die Tatsache, dass immer noch zu viele Objekte schlecht beschrieben sind.

In den kommenden Jahren dürften Gewichtsverschiebungen, wie sie momentan in der Hotellerie beobachtet werden, auch auf andere Wirtschaftssektoren übergreifen. Die Massenindustrie und der Einheitsbrei, der sich damit verbindet, garantieren nur so lange Sicherheit, als Informationen und Vertrauen fehlen. Sobald die gewünschten Informationen, insbesondere diejenigen, die Vertrauen schaffen, dank Internet auf der ganzen Welt kostengünstig zur Verfügung stehen, verschwinden die Vorteile der Standardisierung.

Hermant Taneja stellt die These auf, dass diese umgekehrten Skaleneffekte dem Arbeitsmarkt in Form von zusätzlichen Stellen zugutekommen werden, denn sie eröffnen zahlreiche kleine Nischen. Unternehmen, die in Zukunft erfolgreich sein wollen, müssen sich an eine Welt anpassen, in der die Informationstechnologie den Konsumenten zu enormer Macht verhilft. Diese Konsumenten wünschen massgeschneiderte Produkte und Dienstleistungen, die von unzähligen kleineren, aber spezialisierten Unternehmen angeboten werden. Gekauft wird schliesslich das Produkt desjenigen Anbieters, der nicht nur das passende Produkt hat, sondern auch die Fähigkeit, es in aller Präzision bekannt zu machen.

Das Ende der Massenproduktion könnte somit ein Riesenglück für den Tourismus bedeuten und insbesondere für den Tourismus in den Bergen, wo die Übernachtungsmöglichkeiten alles andere als homogen sind. Wenn die Hoteliers es schaffen, die Kundschaft in Bezug auf das Preis/Leistungsverhältnis ihrer individuell angepassten Dienstleistungen zu beruhigen, dann können unabhängige Hoteliers und weitere Anbieter von Übernachtungsmöglichkeiten in unseren Tourismus-Destinationen viel von diesem Paradigmenwechsel profitieren.

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