Archäologie und Tourismus in der Schweiz

Unsichtbares sichtbar machen

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Archäologie und Tourismus in der Schweiz

Ohne offene Türen einrennen zu wollen, muss man doch zugeben, dass die Schweiz nicht mit so spektakulären archäologischen Denkmälern aufwarten kann wie diejenigen, die unsere Miteidgenossen nach Yukatan, Ägypten oder Griechenland locken. Die offensichtliche Bescheidenheit der archäologischen Funde in der Schweiz hat eine einfache Erklärung: Die Menschen, die einst das Gebiet der Schweiz bewohnten, errichteten keine dauerhaften Bauten, wenigstens nicht vor der Römerzeit. Während Jahrtausenden wurde hierzulande mit Holz und Lehm gebaut, so dass heute nur äusserst empfindliche Reste gefunden werden, die leicht zerfallen. Zudem wurde ursprüngliche Bausubstanz jeweils wieder abgebaut und neu verwendet. So dienten auch Steine eines römischen Gebäudes später für eine mittelalterliche Burg in der gleichen Region.  Des Weiteren werden sehr alte bauliche Überreste heute oft kaum noch wahrgenommen, weil sie in unsere vertraute Umgebung völlig integriert sind, wie zum Beispiel in Kapellen und andere christliche Gebetsstätten, die gerne auf prähistorischen Kultstätten errichtet wurden.

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Als ersten Gedankenschritt setzt Innovation voraus, dass man sich von verkrusteten Vorstellungen befreit. Tatsächlich halten sich viele Leute zusammenfassend immer noch an „alten Steinhaufen“ fest, wenn sie das Wort „Kulturerbe“ hören. Wir möchten hier beispielhaft ein paar kürzlich realisierte Umsetzungen vorstellen, bei denen archäologische Stätten in der Schweiz erfrischend in Szene gesetzt werden.

Archäologische Fenster: Wie Museen ausserhalb ihrer Mauern ein breiteres Publikum ansprechen

Das Konzept der archäologischen Fenster bezweckt die Erhaltung und die touristische Nutzung von Funden aus der Vergangenheit, die auf städtischem Gebiet verstreut sind. Neue Fenster werden im Rhythmus neuer Entdeckungen geschaffen, zum Beispiel dann, wenn die Archäologen Rettungsgrabungen vornehmen.  Auch wenn die Anfangsinvestition und danach der jährliche Unterhalt sowie die Betriebskosten immer noch teuer sind, kostet die Realisierung eines archäologischen Fensters doch deutlich weniger als der Bau und der Betrieb eines Museums. Als punktuelle Einrichtungen in der Stadt sind archäologische Fenster zudem schneller realisierbar, denn sie entfachen weniger politischen Widerstand. Kürzlich wurde in Zürich ein archäologisches Fenster in der Nähe des Opernhauses geschaffen, wo bei Vorarbeiten für ein neues Parkhaus Überreste von Pfahlbausiedlungen gefunden wurden. Das Fenster wurde von Anbeginn in das Architekturprojekt für das Parkhaus einbezogen: Schaukasten mit prähistorischen Funden, eine zweistöckige Medienwand sowie Nachbildungen des Bodens erzählen fast 1000 Jahre Geschichte zwischen dem 4. und dem 3. Jahrtausend v. Chr.

In diesem Kontext wird Archäologie nicht mehr als Nische behandelt. Ganz im Gegenteil: Das Fenster ins Altertum zeichnet sich durch seine Augenfälligkeit aus. Es liegt an einem stark frequentierten Platz der Stadt Zürich und an einem unerwarteten Ort. Es ist nämlich Teil eines unterirdischen Parkhauses, das zu einem kulturell wichtigen Gebäude gehört: zur Zürcher Oper. Ziel des Fensters ist es, ein breites Publikum von Nichtkennern anzusprechen; Archäologie wird dank moderner, ansprechender Informationsgrafik angeboten.

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Archäologische Pärke: Persönliches Erleben und Erfahren ist heutzutage ausschlaggebend

Im Kanton Aargau rückt der «Legionärspfad» persönliches Erleben in den Mittelpunkt der Kulturvermittlung. Das Projekt beruht auf den Überresten eines Militärcamps aus der Römerzeit, die auf einem weiten Gelände bei Windisch verstreut liegen. Von 14 bis 101 n. Chr. waren in Vindonissa römische Legionäre stationiert. Um wissenschaftlich fundierte Informationen über das ehemalige Lager spielerisch zu vermitteln, hat der Kanton Aargau 2009 einen archäologischen Park eröffnet. Das Angebot richtet sich an Schulklassen, Familien sowie Gruppen von Erwachsenen.

Beispielsweise kann eine Schulklasse in Baracken übernachten, die den Legionärsunterkünften originalgetreu nachgebaut wurden. Nach einem gemeinsamen Abendessen am Lagerfeuer ziehen sich die Schüler zum Schlafen in eine frühere Welt zurück. Am nächsten Morgen gibt es ein römisches Frühstück vom Holzfeuer. Auf diese Weise lässt sich Geschichte hautnah und stimmungsvoll erleben. Frisch gestärkt begeben sich die Kinder schliesslich zum Museum von Vindonissa, wo sie – um ihre eigene Erfahrung reicher – einen besseren Zugang zu den archäologischen Funden aus dem Legionärslager haben. Vor der Eröffnung des archäologischen Parks registrierte Vindonissa einige Hundert Eintritte pro Jahr. 2012 beschritten von April bis Oktober 32'000 Besucher den Legionärspfad und 3300 Personen nutzten die Möglichkeit, im römischen Lager zu träumen.

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Pfahlbaudörfer: Wie kann man einer versunkenen Welt zu Sichtbarkeit verhelfen?

Seit 2011 gehören sie zwar zum UNESCO-Welterbe, aber die Mehrzahl unserer Pfahlbaudörfer sind für das Publikum nicht zugänglich. Es handelt sich um eine versunkene Welt, um in den Seeboden gerammte uralte Holzpfähle, die menschliches Dasein bezeugen und von denen die ältesten aus dem Neolithikum stammen. Gedankliche Rekonstitutionen des Lebens unserer Vorfahren, der Pfahlbauern, wurden früher schon landesweit in den Schulbüchern angeboten und haben die Fantasie mehrerer Generationen von Schülern angeregt, unter anderem auch diejenige des Autors.

Mit der Aufgabe, das Welterbe zu nutzen, bekundeten die betroffenen Tourismusregionen ab 2011 nachvollziehbare Schwierigkeiten, denn die meisten Pfahlbau-Stätten sind im Boden oder im Wasser versunken. Wie kann man einer versunkenen Welt zu Sichtbarkeit verhelfen? Schnell einmal kam die Idee eines „Palaffites Guides“ auf, einer Applikation für iPhone und Android-Smartphones, mit der man die Pfahlbau-Stätten leicht lokalisieren kann. Eine Karte und eine GPS-Funktion helfen dabei. Für jede Fundstelle zeigt die App den besten Beobachtungspunkt an. Mit einem Klick auf den Standort setzt man einen Audioguide in Betrieb, der in drei Minuten erzählt, was sich im Boden oder auf dem Seegrund an diesem Ort verbirgt. Natürlich zeigt der „Palafittes Guide“ auch zahlreiche Bilder. Wie bei einem Filmkommentar überlagern sich Informationen und Bilder; zusammen beschwören sie die Vergangenheit in unserer Vorstellung herauf.

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Eine solche Applikation muss durch eine gezielte Werbekampagne an das Publikum herangetragen werden.  Denn es gibt so viele Spiele, Führer, Hilfsmittel und nützliche Apps für Smartphones, dass die Mehrzahl von ihnen in der Masse untergeht. Die meisten Angebote sind auch eher banal. Deshalb sind die Journalisten froh, wenn sie ein Thema finden, das sich zur eingehenden Beschreibung einer Applikation anbietet. Die traditionellen Medien sind somit die besten Multiplikatoren, und wenn dann die Applikation noch in Fachkreisen bekannt ist und diese in ihrem Umfeld darüber berichten, dann ist das Ziel der Urheber erreicht: Sie haben das Unsichtbare sichtbar gemacht.

Angebote in den betroffenen Tourismusbüros

Auch wenn ein Angebot noch so verlockend ist, so führt der Erfolg stets über eine gute Kommunikation durch die Tourimusbüros und die Destinationen selbst. Was die Pfahlbauten angeht, so folgt aus einem ersten Nachschlagen auf den Websites der Tourismusregionen und von Schweiz Tourismus,  dass das Angebot im Web vorläufig durch Abwesenheit glänzt. Wenn aber das Unsichtbare für potenzielle Interessenten unsichtbar bleibt, heisst das, dass noch grosse Anstrengungen zu unternehmen sind.  Der Legionärspfad bildet eine Ausnahme: Er geniesst eine ausgezeichnete Visibilität auf den Websites von Schweiz Tourismus und Aargau Tourismus. Die Pfahlbau-Orte sollten sich ein Beispiel daran nehmen.

Nachweis:

Dunning Cynthai & Annemarie Willems (eds) 2013. Archaeotourism. Archéologie et tourisme en Suisse. Archäologie und Tourismus in der Schweiz, 109 S.

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