Geo-Tourismus ermöglicht die touristische Nutzung des geologischen Erbes.

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Freizeitaktivitäten
Geo-Tourismus ermöglicht die touristische Nutzung des geologischen Erbes.

In seiner Ausgabe von November-Dezember 2013 hat das Magazin ESPACE (1) ein ganzes Dossier dem Geo-Tourismus gewidmet. Die verschiedenen Beiträge beziehen sich auf geotouristische Entdeckungen in der Schweiz und in Frankreich. Geo-Tourismus ist ein Konzept, das vor etwa 20 Jahren aufgetaucht ist und auf die touristische Nutzung des geologischen Erbes einer Region abzielt bzw. dem Publikum die Schlüssel zu dessen Entdeckung in die Hand gibt. Eigentlich ist das Anwendungsgebiet riesig: Es gibt viel Unterirdisches zu entdecken, Wein-Tourismus gehört aber streng genommen auch zum Geo-Tourismus und geologische Entdeckungen im städtischen Raum können besonders spannend sein – ganz zu schweigen von paläontologischen Spuren oder auch wieder von Bruchsteinen, aus denen unsere historischen Bauten bestehen.

Verschiedene Ansätze

Ursprünglich wurde der Geo-Tourismus von Fachleuten gefördert, deren Wunsch es war, Objekte, die sie selbst mit Leidenschaft erfüllten, andern verständlich und zugänglich zu machen. Auch wollten sie die Wertschätzung dafür steigern. Ein schönes Beispiel ist die Réserve Géologique de Haute-Provence, eine geologische Schutzzone in Frankreich, die für ihre ausserordentlichen Fossilien berühmt ist. Sie gehört heute zum europäischen Netzwerk „Geoparks“, das von der UNESCO unterstützt wird. Ein weiteres Beispiel aus Frankreich folgt einem ganz anderen Ansatz, auch wenn die pädagogischen und wissenschaftlichen Elemente keineswegs vernachlässigt werden. Wir meinen den Vergnügungspark „Vulcania“, mitten in der Auvergne, dem Land der erloschenen Vulkane. Er geht den Geo-Tourismus spielerisch an und bietet zahlreiche Attraktionen, die irgendwie mit dem Leben der Vulkane in Verbindung stehen.

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Wirtschaftliche Auswirkungen

Leider geht das im Magazin ESPACE erschienene Dossier zum Geo-Tourismus nicht auf die wirtschaftlichen Auswirkungen ein, welche diese spezifische Form von Tourismus zwischen Natur und Kultur mit sich bringt. Das wäre interessant, wenn man bedenkt, dass beispielsweise der Gletschergarten in Luzern – eine geotouristische Stätte mitten in der Stadt mit spektakulär geformten Spuren der Gletschererosion, Gletschermühlen genannt – jedes Jahr ungefähr 120'000 Besucher anzieht. Es ist zwar richtig, dass der Gletschergarten viel von der Tatsache profitiert, dass er in einer landesweit und auch international bekannten Stadt und Region liegt.

Laut Jean-Pierre Pralong (2), der geotouristische Angebote in der Schweiz und in Frankreich untersucht hat, sind Stätten, die kommerziell genutzt werden, grundsätzlich rentabel. Allerdings sind didaktische Angebote kein Publikumsmagnet und nicht schon an sich rentabel, sondern erst in Verbindung mit anderen Dienstleistungen wie dem Besuch der geologischen Stätte gegen Bezahlung, einer verkehrstechnischen Organisation, einem Gastro-Angebot usw. Im Wallis werden unter anderem Besichtigungen von Grotten und Schluchten angeboten, wie die Schluchten von Trient und Durnand, oder auch diejenige des Gletschers der „Plaine Morte“, den man dank der Bahn von Crans-Montana aus erreichen kann. Hier lassen sich direkte wirtschaftliche Auswirkungen nachweisen. Aber bei den meisten geologischen Stätten im Wallis ist das nicht der Fall, und auch die indirekten Auswirkungen auf die lokale Wirtschaft sind nicht bekannt.

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Positionierung der Destinationen

Nur wenige Destinationen rücken ihren geologischen Wert in den Mittelpunkt. Die Positionierung baut meist auf bereits existierenden Strukturen auf. Beispiele: die Regionalen Naturpärke in der Schweiz und in Frankreich oder das Netz der Geoparks (3), das auf internationaler Ebene geschaffen wurde, um den Geo-Tourismus zu beleben. Der Beitrag von Simon Martin und Géraldine Regolini-Bissig (4) ist der Erarbeitung von geotouristischen Produkten im Wallis und im grenznahen Frankreich nachgegangen und bringt viel Interessantes zum Vorschein. So wird die Aufwertung des geologischen Erbes, gerade auch im Wallis, generell von offizieller Seite her in Angriff genommen (Entwicklungsfirma, Tourismus-Büro, Gemeinde) und es geht dabei vor allem um die Gegend insgesamt, die aber wissenschaftlich gesehen nicht zwingend interessant ist und touristisch gesehen auch nicht unbedingt spektakulär. Von den insgesamt 87 Naturpfaden, die von den Autoren im Wallis Ende 2012 bewertet wurden, hatten 37 einen Bezug zu «Fels und Landschaft», entweder als Hauptthema oder als Nebenthema. Die Autoren stellten fest, dass man sich eindeutig zu wenig darum bemüht, das Thema attraktiv zu gestalten, indem z. B. eine lebendige Sprache verwendet, die Geschichte ansprechend wiedergegeben oder die Interaktivität mit dem Besucher gefördert wird.

An wen richtet sich der Geo-Tourismus?

Jean-Pierre Pralong hatte das Problem bereits im Jahr 2006 hervorgehoben (2). Das geotouristische Angebot wirkt zu sachlich, es wird nicht in Szene gesetzt, es fehlen Dimensionen wie Traum und Emotion. Das Angebot beschränkt sich weitgehend auf Lehrpfade, wo Traumwelten und persönliche Erfahrungen keinen Platz haben. So kommt die Botschaft, die vermittelt werden sollte, nie bei einem breiten Publikum an, sondern bleibt auf Menschen beschränkt, die eine Leidenschaft für Steine entwickelt haben, einer sehr spezifischen Art Tourist also, die eher selten auftritt. Was nun das didaktische Element und die touristische Anziehungskraft geologischer Stätten angeht, ist es bestimmt eine Herausforderung, ein Angebot zu entwickeln, das inhaltlich und methodisch für verschiedene Publikumsgruppen passt. Der Aspekt der Nachfrage wird übrigens  im Dossier, das im Magazin ESPACE erschienen ist, auch nicht behandelt. Es ist aber völlig klar, dass man zunächst sein Zielpublikum kennen muss, wenn man den Gehalt geotouristischer Produkte besser auf künftige Besucher ausrichten will. An wen richtet sich Geotourismus überhaupt? Eigentlich weiss man das nicht so genau. Weil man dazu zu wenig Informationen hat und wenn man trotzdem ein Profil der potenziellen Kundschaft erstellen möchte, kann die Typologie des Zielpublikums für Kultur-Tourismus von Origet du Cluzeau (1998) gute Dienste erweisen (5). Dazu soll hier noch präzisiert werden, dass wir selbst den Geo-Tourismus als eine Komponente des Kultur-Tourismus verstehen, dessen hauptsächliche Motivation „die Erweiterung des intellektuellen Horizonts [ist]), das Streben nach Wissen und Emotionen dank der Entdeckung eines [Kultur-]Guts einschliesslich seines Gebiets.“ Nach Meinung des Forschers Origet du Cluzeau gibt es drei Kategorien von Kunden, die sich für Kulturgüter interessieren:

  1. Fachleute, die sich in einem Themenbereich gut auskennen und sehr motiviert sind, die so  genannten „Monomanen“;
  2. Weitere hoch motivierte Personen sind die „Kultur-Bulimiker“, die man auch als „Kulturomanen“ bezeichnen könnte;
  3. Schliesslich gibt es noch das eklektische Publikum der Neugierigen und Zufallstouristen, welche die grosse Mehrheit der Besucher an kultur-touristischen Orten oder kulturellen Anlässen in Tourismus-Orten darstellen. Diese Kundschaft ist      besonders empfänglich für Emotionen und spricht besser auf Stimmungen an als auf eine Anhäufung von Wissen. Vergnügen ist ihm wichtiger als profundes Verständnis.

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Wie stehen die Aussichten?

Im Hinblick auf die Kommerzialisierung und auf wirtschaftliche Rentabilität muss sich der Geo-Tourismus klar an der dritten Kundenkategorie, der zahlreichsten, orientieren. Das Wallis hat geologisch gesehen prestigeträchtige Orte zu bieten, die spektakulär, wissenschaftlich interessant und auch pädagogisch wertvoll sind. Aber sie müssen einerseits mit einer adäquaten Strategie in Szene gesetzt und andererseits auf ein Zielpublikum hin ausgerichtet werden, das wirtschaftlich interessant ist. Das Wallis könnte sich hier an Beispielen orientieren, die Erfolg haben: die Réserve Géologique de Haute-Provence in Frankreich etwa oder das Projekt Paléojura im Kanton Jura. Pruntrut hat angekündigt, dass es sich als Dinosaurier-Hochburg positionieren will (6). Mit diesem touristischen Ansatz will Pruntrut die paläontologischen Entdeckungen, die seit dem Jahr 2000 in der Region gemacht wurden, nutzen. Der Ort möchte einer bereits bestehenden Kundschaft mehr bieten und vor allem auch neue Zielgruppen ansprechen. Touristische Nutzungsmodelle, wie dasjenige des Gletschergartens in Luzern oder des Vergnügungsparks „Vulcania“ in der Auvergne, können vermutlich im Wallis so nicht umgesetzt werden. Aber auch hier kann man ein paar Ideen heraus pflücken, um damit die Inszenierung von Kulturgütern aufzufrischen, die für ein nicht spezialisiertes Publikum einfach zu grau und zu ernst sind.

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 Nachweise:

(1) Revue Espace tourisme et loisirs 315, November-Dezember 2013. Cahier Tourisme géologique (géotourisme), S. 67-143.

(2) Pralong Jean-Pierre (2006). Géotourisme et utilisation de sites naturels d’intérêt pour les sciences de la Terre: Les régions de Crans-Montana-Sierre (Valais, Alpes suisses) et Chamonix-Mont-Blanc (Haute-Savoie, Alpes françaises), Institut de Géographie, Faculté des géosciences et de l’environnement, Travaux et recherches no 32. 225 Seiten und Anhang.

(3) Reynard Emmanuel et al. (2007). Géoparcs en Suisse. Un rapport stratégique. Sc nat. Geosciences. Platform of the Swiss Academy of Sciences, Bern, 20 Seiten. Kann heruntergeladen werden auf: http://www.geosciences.scnat.ch/index.php?nav1=5&nav2=52&nav3=0

(4) Martin Simon, Regolini-Bissig Géraldine (2013). Elaborer et évaluer des produits géotouristiques, Revue Espace tourisme et loisirs 315, S. 112-117.

(5) Origet du Cluzeau C. (1998). Le tourisme culturel, Paris, Presses Universitaires de France, 126 S.

(6) htr.ch hotel revue. De l‘art autour du dinosaure, veröffentlicht am 15.1.2014 http://www.htr.ch/cahier-francais/de-lart-autour-du-dinosaure-37886.html

Websites

Paléojura, Schweiz: http://www.paleojura.ch/fr/Actualite.html

Gletschergarten Luzern, Schweiz: http://www.gletschergarten.ch/Natur-und-Poesie-mitten-in-der.10.0.html?&L=1

Geologische Schutzzone in Frankreich: http://www.resgeol04.org/

Vergnügungspark „Vulcania“ in der Auvergne, Frankreich: http://www.vulcania.com/

Netzwerk „European Geoparks“: http://www.europeangeoparks.org/

NaturKulturTourismus Wallis: http://www.nkt-wallis.ch/

Les Gorges du Trient: http://www.vernayaz.ch/index.cfm?page=gorges_du_trient.cfm

Les Gorges du Durnand: http://www.gorgesdudurnand.ch/

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