Standortmarketing auf dem Land

Volksnahe Kultur im Dienst der Innovation

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Marketing und Vertrieb
Standortmarketing auf dem Land

Der Erlebnis-Ansatz liegt im Trend: Moderne Touristen wollen mehr als einfach standardisierte Produkte konsumieren. Laut Sandra Camus, Dozentin an der Universität Angers (Westfrankreich), zielt Erlebnis-Marketing darauf ab, das Konsumieren mit einem Zauber zu belegen. Das erfordert eine Inszenierung, die diskret bis extravagant sein kann. Die Verpackung in eine Geschichte, Interaktionen zwischen dem Angebot und dem Kunden, eine dramatische Aufmachung  – es gibt verschiedene Möglichkeiten, bereichernde Erlebnisse zu fördern.

Am 12. und 13. März 2015 trafen sich in Le Pradel (Ardèche, Frankreich) zahlreiche Kulturschaffende und Touristiker zu einer Tagung. Es wurden  erfrischende Beispiele zum Kreativ- bzw. Erlebnis-Tourismus vorgestellt, insbesondere aus dem ländlichen Raum, der bei den klassischen Touren meist unberücksichtigt bleibt. Doch gerade lokaler, volksnaher und/oder künstlerischer Kultur gelingt es manchmal Beständiges aufzumischen, indem sie ländliche Gegenden mit ungewöhnlichen, manchmal sogar leicht provokativen Ideen touristisch beleben. Wir stellen Ihnen hier ein Beispiel dazu vor: 

„Grand Départ“: „A bientôt, Grand Saumon!“

Die Sioule ist ein Fluss in der Auvergne  und ein geheimes Naturparadies, das eigentlich nur Kayak-Begeisterte und Fliegenfischer kennen. Mehrere Freunde haben nun zusammen einen Verein gegründet, mit der Vorstellung, dass man „den Fluss auch auf andere Art erleben und die Gegend erkunden könnte, die zu Unrecht so wenig bekannt ist“, erklärt Rosalie Lakatos vom Verein „Les Navigateurs“. Rosalie Lakatos hat beschlossen, einen Event ins Leben zu rufen mit „gesicherter, wenn auch begrenzter“ finanzieller Unterstützung der öffentlichen Partner vor Ort. Die Grundidee ist dabei, dass in der Region eine permanente Kulturfabrik geschaffen werden soll, mit Künstlerresidenzen und Künstlertreffen. So entstand das Fest „Grand Départ“ als Ergebnis einer ersten Kooperation mit Künstlern.

„Einfach loslassen!“ – so könnte das Motto der „Navigateurs“ lauten, denen ein bezaubernder Mix aus erfrischendem Humor, Theater und Fest gelungen ist. Der Slogan? „Reisen und träumen vor der Haustür“. Die „Navigateurs“ wollen viel mehr als nur Spass bereiten: Sie wollen „den Blick, den die Menschen über den Fluss schweifen lassen, anders wohin lenken, und so den Boden für künftige Aktionen bereiten“, erklärt Rosalie Lakatos. Das Produkt entspringt einer Künstlerpartnerschaft mit mehreren Theaterschauspielern. Der Verein hat die Geschichte vom „Grand Saumon“ erfunden, eine unwahrscheinliche, durchgeknallte Geschichte. Auf die Bühne getragen wurde sie von den Bewohnern von Ebreuil, einem kleinen am Lauf der Sioule gelegenen Dorf. Das Fest vom „Grand Départ“ fand am 20. und 21. September 2014 statt und hatte durchschlagenden Erfolg. Die Mitglieder des Vereins waren sehr erstaunt.

 

 Collage

Volksnahe Kultur im Dienst der Innovation

Allerdings kann ein solches Projekt mit seinem leicht subversiven Touch einiges aus dem Gleichgewicht bringen: Gewohnheiten und feste Regeln werden jedenfalls durcheinandergebracht. Dank dem Verein und dem Einsatz von Freiwilligen kann ohne Erfolgsdruck ein Beitrag zur besseren Attraktivität des Standorts geleistet werden, eine Art von Werbung, die eigentlich Aufgabe der Tourismusbüros wäre. Diese aber sehen, wie viele andere auch, in ländlichen Gegenden vor allem eine altertümliche Welt, in der gesellschaftliche Strukturen lange Zeit unverändert, quasi in Stein gemeisselt geblieben sind. Doch das ist natürlich eine überholte Vorstellung, die heute als Vorurteil bezeichnet werden muss.

Grand Depart Catapulte

Standortmarketing

Eine Initiative wie die der «Navigateurs» wirft das traditionelle Standortmarketing über den Haufen:  Spiel, Theater, Spass, Partizipation sowie das gegenwärtig sehr beliebte «Storytelling» stehen Im Vordergrund. Die natürliche und kulturelle Umgebung werden gemäss einem horizontalen Ansatz und mit viel Bürgersinn szenisch genutzt. Hierarchisches Denken ist fehl am Platz. Auch sind bei dieser Art von kultureller Innovation keine Experten erwünscht. Vor Ort stehen vielmehr die „Geschichtenvermittler“ an erster Stelle. Sie betreiben ein Projektmanagement, das von Gemeinschaftsgeist und Gemeinsamkeit geprägt ist. Natürlich handelt es sich um ein bescheidenes Projekt, das zudem dauernd umgestaltet werden muss und von Natur aus unbeständig ist. Allerdings weiss man aus Erfahrung, dass der wirtschaftliche Ansatz nicht zwingend ausreicht, um einer Gegend zu Attraktivität zu verhelfen. Im vorliegenden Fall ist es dem Spektakel und der Inszenierung einer verrückten Geschichte gelungen, bei den Einwohnern und Gästen in einem kleinen Dorf in der Auvergne grosses Aufsehen zu erregen.

Nachweise

Sandra Camus, Marketing expérientiel, production d’expérience et expérience de consommation. Espaces, tourisme et loisirs 320, 28-37, September-Oktober 2014.

Les rencontres du Pradel 2015. Gestion et développement des espaces récréatifs en nature, 12.-13. März 2015, Cermosem, Le Pradel, Mirabel (Ardèche). Organisiert von Katia Fersing und Jean Corneloup.

Rosalie Lakatos. Les navigateurs embarquent sur la Sioule. Vortrag vom 12. März 2015 im Rahmen von „Rencontres du Pradel 2015“ Mirabel (Ardèche).

Verein „Les Navigateurs“ http://lesnavigateurs.fr/

Le Grand Départ http://lesnavigateurs.fr/le-grand-depart

Le Grand Départ du Grand Saumon va agiter La Sioule http://www.lamontagne.fr/auvergne/actualite/departement/allier/vichy/2014/09/18/le-grand-depart-du-grand-saumon-va-agiter-la-sioule_11149009.html

 

 

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