Die Skistationen im Blickpunkt des Klimawandels

Bedroht der Klimawandel den Fortbestand der Skistationen: Realität oder Fantasie?

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Die Skistationen im Blickpunkt des Klimawandels

Auch wenn die UN Klimakonferenz 2015 (COP21), die im vergangenen Dezember in Paris stattfand, ein weiteres Mal Alarm wegen der klimatischen Belastungen und Herausforderungen für Ökonomie und Unternehmen geschlagen hat, bleiben ihre Konsequenzen für einige Länder immer noch abstrakt. Unter anderem sind die Akteure des Bergtourismus diesbezüglich ganz besonders exponiert. Sie müssen unter dem Druck dieser Herausforderung in den kommenden Jahren neue Geschäftsmodelle kreieren. Dazu passt das Buch Tourisme d’hiver: le défi climatique von Christoph Clivaz, Camille Gonseth und Cécili Matasci, erschienen 2015, das sich mit der Zukunft der Winteraktivitäten der Schweizer Tourismusindustrie befasst.

Beunruhigende Prognosen für die Schweizer Skistationen

2007 zeichnete ein Bericht der OECD ein erstes Porträt der klimatischen Veränderungen, der den Alpenraum, zu dem fünf Länder gehören, erfasste: Frankreich, Italien, Deutschland, Österreich und die Schweiz. Gemäss dieser Studie muss hier mit einem Temperaturanstieg von 2° bis 4° zwischen 2050 und 2100 gerechnet werden.

Mit einem derartigen Temperaturanstieg würde die Schneeunsicherheit die Winteraktivitäten gewisser Skistationen in Frage stellen. Diejenigen der Schweiz wären davon nicht ausgenommen. Die OECD war 2007 der Meinung, dass bei einer Erwärmung um 4° nur die Hälfte der Schweizer Skistationen schneesicher bleiben. Unter diesen Voraussetzungen wären Regionen wie die Waadtländer oder Freiburger Alpen in ihren traditionellen touristischen Winteraktivitäten beeinträchtigt.  Dabei zeigte die Studie bereits 2007 auf, dass einige Skistationen, die unter 1200 Metern liegen, bereits damals ungenügende Schneeverhältnisse beklagten.

Schnee „um jeden Preis“ ?

Immer häufiger greifen die Stationen auf die Produktion von künstlichem Schnee zurück, um den Skifahrern bessere Schneeverhältnisse zu garantieren. Auch wenn es im Moment so aussieht, dass diese Massnahme die wirkungsvollste Lösung zur Aufrechterhaltung ihrer Dienstleistungen ist, können die Auswirkungen einer solchen Schneeproduktion die Umwelt belasten und die Wirtschaftlichkeit einiger Stationen in Schwierigkeiten bringen.

Vom ökologischen Standpunkt aus gesehen bleibt die Kunstschneeproduktion stark umstritten:

  • Exzessiver Verbrauch von Wasser und Energie
  • Negative Auswirkungen auf den Boden und Belastung der Vegetation und der Fauna
  • Ungleichgewicht bei den Abflussmengen der Flüsse
  • Anstieg der CO2 Emissionen

Dazu kommt, dass die Kosten, die für die Anpassung an den Klimawandel nötig wären, die Budgets der Skistationen stark belasten würden. Dies trifft ganz besonders auf die Stationen in mittlerer und niedriger Lage zu, die häufig nur bescheidene finanzielle Mittel zur Verfügung haben. Damit letztere genügend künstlichen Schnee produzieren könnten, müssten nach Ansicht von Experten die Wasserversorgungssysteme erneuert werden  (Planung und Konstruktion zusätzlicher Wasserreservoirs oder deren Verlegung in höher gelegene Gebiete). Dennoch muss man damit rechnen, dass in Anbetracht der konstant steigenden Temperaturen in den kommenden Jahrzehnten die Produktion von Kunstschnee, vor allem in den Monaten November und Dezember, nicht mehr möglich wäre und zwar genau dort, wo der Einsatz dieser Produktion am nötigsten wäre.

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Lediglich die finanziell stabilsten Stationen wären in der Lage, so grosse und so lang andauernde  Investitionen zu tätigen. Es würde sich also um ein sehr gewagtes Unterfangen handeln, wenn man in Betracht zieht, dass sich die touristische Industrie und das Verhalten der Konsumenten sehr schnell entwickeln bzw. verändern (mehr Angebote, Konkurrenz der Küstendestinationen, Rückgang des Interesses am Skifahren usw.).

Wird der Skifahrer von morgen derselbe wie derjenige von heute sein?

Die Geschwindigkeit der technologischen und wirtschaftlichen Entwicklungen sowie der Nachfrage macht es notwendig, sich Gedanken über die Zukunft der traditionellen Skisportarten zu machen (Ski, Snowboard). Werden die Touristen zahlreicher sein, um sich auf eine kürzere Periode zu konzentrieren? Werden Sie genauso begeistert sein von der Idee, auf Teilen von Kunstschnee oder ganz auf Kunstschnee diesen Wintersport auszuüben? Wie werden sie auf den voraussichtlichen Preisanstieg reagieren?

Dazu kommt, dass das Konsumverhalten der jungen Generation, welche sich eher in Richtung Teilen der Werte und auf einmalige Erlebnisse bewegt, sehr wohl die Idee des traditionellen Skiangebots brechen könnte. Diese „Zapping Generation“, die sich ganz besonders durch Entdeckungen motiviert zeigt, für die Ausbildung und Beherrschung des Sports zweitrangig ist und eine extreme Preissensibilität an den Tag legt, könnte sich vom Skifahren als eine gewöhnliche und zu teure Aktivität abwenden. Es ist deshalb nicht unmöglich, dass es zu einer Ablösung kommen könnte.

Nicht alles auf eine Karte setzen!

Wenn man in Betracht zieht, dass in gewissen Regionen der Bergtourismus bis zu 30 % des BIP ausmacht, kann man das Zögern und/oder die Besorgnis, einen so ertragreichen Sektor aufzugeben, verstehen. Gewisse Unternehmen müssten deshalb schrittweise eine Diversifizierung ihres Angebots anstreben, ohne dabei das gesamte Angebot aufzugeben, insofern sie den Skisport weiterhin als Kerngeschäft ihres „Business“ betrachten wollen.

Eine ganze Anzahl der Stationen hat deshalb bereits Interesse daran gefunden, den Vierjahreszeiten-Tourismus in den Bergen zu fördern.  Der Klimawandel führt zu neuen Verhaltensgewohnheiten und fördert die Entwicklung des Sommertourismus, auf der Suche nach der Insel der Erfrischung. Die Schweizer orientieren sich bereits in Richtung dieser Art der Aufenthalte und lassen im Sommer gerne die städtischen Zentren hinter sich, um sich in den alpinen Stationen ausserhalb der grossen Hitze erholen zu können.

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Politik der Anpassung: nicht alle Kantone sind „weiss wie Schnee“

Die Eidgenossenschaft hat die zweite Ausgabe (der Aktionsplan 2014-2019) ihrer Strategie der Anpassung an den Klimawandel ausgearbeitet. Diese Massnahme soll die betroffenen Akteure auf die Veränderungen sensibilisieren und sie zum Handeln aufrufen. Dies betrifft auch alle Akteure aus der touristischen Umgebung. Das Programm „2030: Der Schweizer Tourismus im Klimawandel“ von 2011 setzt den Akzent auf drei Achsen (die Angebotsentwicklung, Gefahrenminimierung und die Kommunikation), die zu mehreren Strategien führen:

  • Förderung von Innovation und Diversifikation
  • Intensivierung der Forschung
  • Sicherung und Weiterentwicklung Schneesport
  • Verstärkung Gefahrenabwehr durch technische Massnahmen
  • Risikoverminderung durch organisatorische Massnahmen
  • Sensibilisierung der Bevölkerung
  • Klare Positionierung und gezieltes Marketing

Auch wenn die Überlegungen voranschreiten, bleiben die bisher realisierten Massnahmen, um die Auswirkungen des Klimawandels zu begrenzen, zaghaft und sind je nach Kantonen sehr unterschiedlich, da alles noch auf freiwilliger Basis geschieht. Das Wallis hat beispielsweise noch keine Programme realisiert, die sich der Beziehung zwischen dem Tourismus und dem Klima widmen. Ist dieses Desinteresse vielleicht darauf zurückzuführen, dass der Alpenraum über die höchsten Gebirgsmassive verfügt und sich darum weniger von dem Klimawandel betroffen fühlt? Andererseits kann die Dezentralisierung der Entscheidungen und der Konsequenzen in gewissen Kantonen auch die Unausgewogenheit der ergriffenen Initiativen erklären. Auf einer eher lokalen Stufe gesehen ist es für die kleinen Unternehmen schwierig, sich auf einen Planungshorizont in der Grössenordnung von dreissig Jahren zu beziehen. Die KMU (kleine und mittlere Unternehmen) und die SOHO (Small Office Home Office) reagieren eher auf direkte wirtschaftliche Impulse und sind um schnelle und effiziente Entscheide besorgt, die die Rentabilität und das Überleben ihrer Struktur von einer Saison zur andern garantieren.

In Richtung auf einen natürlichen und schrittweisen Übergang

Selbst wenn es wichtig ist, sich der  Herausforderung bewusst zu werden, die der Klimawandel für den Wintertourismus bringt, so zeigt sich das Bild dann doch nicht ganz so dunkel wie befürchtet. Gemäss dem Bericht der OECD von 2007, riskieren andere Destinationen des Alpenraums viel härter getroffen zu werden als die Schweiz. Dieses Element könnte dem Land dahingehend helfen, dass es noch attraktiver für die Ausübung des Wintersports werden könnte.

Zudem können gewisse Regionen wie Graubünden und das Wallis, die alleine rund die Hälfte aller Einnahmen der Seilbahnen in der Schweiz generieren, von einer genügenden Schneesicherheit profitieren und auch inskünftig grosse Einnahmen verzeichnen. Für die anderen, die in Schwierigkeit geraten, könnte der Kanton ein zusätzliches Budget sprechen, um die Skiaktivitäten aufrechtzuerhalten, und zur Diversifikation des Angebots ermuntern oder den Unternehmen helfen, neue Geschäftsmodelle aufzubauen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Referenz

- Christophe Clivaz, Camille Gonseth et Cécilia Matasci (2015). Tourisme d’Hiver : le défi climatique, Collection Le Savoir, Presses polytechniques et universitaires romandes, Lausanne, 131p.

- Secrétariat d’Etat à l’économie « 2030 : Le tourisme suisse face aux changements climatiques », juillet 2011

- Office fédéral de l'environnement OFEV, Stratégie du Conseil fédéral de l'adaptation aux changements climatiques en Suisse, 2015.

- Abegg, B. et al. (2007) : Effets du changement climatique et adaptation dans le tourisme d‘hiver. In : Agrawala, S. (éd.) : Changements climatiques dans les Alpes européennes, OCDE, Paris, p. 25-60.

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