Das Wiederaufleben der Museen

0
Freizeitaktivitäten
Das Wiederaufleben der Museen

Diese Analyse wurde vollständig durch Camille Derelle vom „Réseau de veille en tourisme de la Chaire de tourisme Transat” verfasst und ist zu finden unter veilletourisme.ca

Rvt

 

Nachdem sich die Museen während langer Zeit hinter ihren Sammlungen versteckt haben, öffnen sie sich nun aktuellen Tendenzen und werden mehr denn je zu aktiven Zeugen ihrer Epoche.

Die schnellen Veränderungen unserer Gesellschaft führen die Museen dazu, ihre Empfangsabläufe und ihr Management zu überdenken. Dieser dynamische Zusammenhang gibt dem Sektor Gelegenheit, seine Kreativität zu beweisen, seine Beziehung mit der Öffentlichkeit neu zu definieren und die Möglichkeit, sich aus seiner traditionellen Neutralität zu befreien, um sich als Antriebskraft des sozialen Wandels zu profilieren und um die gesamte touristische Domäne zu inspirieren.

 

Auf einer Welle der Sympathie surfen

Ob es sich darum handelt, eine unterschiedliche Kultur, eine neue künstlerische Praxis oder eine geschichtliche Epoche zu entdecken, das Museum lädt zu einer Begegnung mit dem Anderen und zu einer Konfrontation mit den Perspektiven ein. Dank ihrer einmaligen Art, die Besucher emotional in unterschiedliche Geschichten eintauchen zu lassen, erweisen sich diese Institutionen als empathische Antriebsmotoren und beteiligen sich an der Festigung der sozialen Bindungen. 2013 hat eine durch das Crystal Bridges Museum of American Art durchgeführte Studie aufgezeigt, dass bereits nach einem einzigen Museumsbesuch das Niveau der Öffnung, der Empathie und der Toleranz der Teilnehmer deutlich zunahm. Damit die Magie funktioniert, muss der Akzent auf die Begegnung der Menschen unterschiedlicher Herkunft, ethnischer oder sozialer Art gesetzt werden, wobei die Konditionen eine direkte Diskussion mit Ausländern begünstigen sollen.

Das Empathy Museumist der erste wegweisende Kunstraum, der sich dem Verständnis der Welt quer durch die Perspektiven des Unbekannten widmet. Seine Mission besteht darin, die Empathie als beziehungsförderndes Element zu verstehen, aber auch als Werkzeug, um mit Konflikten, mit Vorurteilen und den weltweiten Verschiedenartigkeiten anders umzugehen. Seine erste Ausstellung „A Mile in My Shoes“ ist eine interaktive Schuhboutique, bei der Besucher in den Schuhen einer anderen Person ungefähr 1,5 Kilometer gehen, während sie deren Lebensgeschichte anhören.

Renouveau Musee Empathy Museum

Quelle: Empathy Museum presents: A Mile in My Shoes, photo Cat Lee

Im Rahmen der Ausstellung „Genocide: The Threat Continues“ konnten die Besucher des United States Holocaust Memorial Museum eine Echtzeit-Konversation mit Personen führen, die vor der Gewalt ihres Ursprungslandes geflüchtet waren, um Zuflucht im Irak, in Jordanien oder in Deutschland zu finden. Das Projekt, das aus einer Finanzierungskampagne von Kickstarter entstanden ist, fokussiert sich auf die allgemeine Menschlichkeit gegenüber den Betroffenen, um die Klassen-, Identitäts- und Kulturunterschiede abzubauen.

 

Überzeugungen ändern, Hindernisse abbauen

Die juristischen Strukturen, die lange unangreifbar schienen, werden nun überprüft und  sollen vielmehr als Instrument wahrgenommen werden, um die Bürger zu schützen als Ungleichheit und Ausschluss zu verursachen.

Constitution Hill in Johannesburg illustriert diese Problematik sehr gut. Das Museum, das in einem alten Museum untergebracht ist, wo Revolutionäre wie Nelson Mandela und Mahatma Gandhi eingekerkert waren, erinnert daran, wie die Justiz als ein Instrument der Unterdrückung missbraucht werden kann. Auch wenn das Apartheid-System im Rahmen der Gesetzgebung als unmenschlich eingestuft wird, stellt sich trotzdem die Frage, wie es um die juristische Macht heute steht?

Das Eastern State Penitentiary Museum hat sich kürzlich von seiner gewohnt unparteiischen Haltung, im Zusammenhang mit der Reform der amerikanischen Gefängnissysteme, losgesagt. So öffnet sich die Ausstellung „Prisons Today. Questions in the Age of Mass Incarceration“ folgender Affirmation: „Massengefängnisse funktionieren nicht“. Indem der Besucher angeregt wird, sich selbst Gedanken zu seinem Verhältnis zur Legalität zu machen, relativiert der Parcours selbst den Begriff der Kriminalität und ruft zu mehr Empathie auf.

Musee Prisons

Quelle: Prisons Today: Questions in the Age of Mass Incarceration at Eastern State Penitentiary in Philadelphia, PA.

Es haben sich zudem mittlerweile zahlreiche Museen für die Unterstützung von Migranten und internationalen Flüchtlingen entschieden, deren legitime Präsenz in ihrem Aufnahmeland zu Kontroversen führt. 2016 beabsichtigte ein Projekt, das von dem Middlesbrough Institute of Modern Art lanciert wurde, Beziehungen zwischen den Einheimischen und den neu Ankommenden aufzubauen. Eine Ausstellung mit dem Ziel der Begegnung zwischen diesen beiden Gruppen wurde konzipiert und konkrete Aktionen wurden in Partnerschaft mit lokalen Vereinigungen ebenfalls ins Leben gerufen, um die Integration der Migranten zu erleichtern (Lebensmittelspenden, Zugang zu Computern usw.) Mit derselben Integrationsperspektive hat der deutsche Kulturminister syrische und irakische Flüchtlinge als Museumsführer angestellt, damit die Neuankommenden in ihrer Muttersprache Zugang zu den Museumssammlungen in Berlin finden können.

 

Scheitern, um sich zu verbessern

Die Erneuerung des Museumangebots begrenzt sich nicht nur auf die Inhalte der Ausstellungen, sondern reicht auch bis zu einer tiefgehenden Veränderung der Strukturen. Der aktuelle Wettlauf zur Innovation bringt die Institutionen dazu, ihre Reaktionsfähigkeit zu erhöhen und dazu eine starke Toleranz dem Risiko gegenüber zu entwickeln. Das sind Fähigkeiten, welche die lange Tradition des Perfektionismus völlig verändern.

Die Zunahme der „labs“ in den Museen, wie das Carnegie Museums’ Innovation Studio oder das  Met MediaLab, laden Besucher und Angestellte dazu ein, ganz frei über neu zu entwickelnde Versuche nachzudenken. Diese Initiativen beweisen den Willen der Museumsverantwortlichen, ihre Belegschaft aus der Komfortzone herauszuführen und Fehler im Kreationsprozess auf dem Weg zum finalen Produkt anzunehmen.

Musee Lab

Quelle: Twitter

Eine Kultur der Verbesserung, die nicht mehr auf eine Abteilung beschränkt werden kann, setzt sich durch, wobei die gesamten Prozesse überdacht werden müssen. So hat sich das Minneapolis Institute of Art dafür entschieden, sich von den klassischen Führungsstrukturen zu befreien, um die Reaktionsfähigkeit und Interaktion mit den Besuchern bei allen Etappen der Kreation des Produkts zu verbessern. Durch die Schaffung von Führungsstrukturen mit mehr Flexibilität und durch Bildung von kleinen Gruppen, die unabhängig von der Hierarchie arbeiten, hat es das Institut geschafft, die Entscheidungsprozesse markant zu verkürzen, die sich sonst bei den Museen in der Regel über mehrere Jahre dahinziehen. Das neue System hat auch zutage gebracht, dass Publikumstests, die während des gesamten Prozesses durchgeführt werden, zu einer unmittelbaren Verbesserung des Angebots führen. Eine digitale Plattform sammelt zukünftig die Kommentare der Besucher. Dieses Tool ermöglichte es, gewisse Ausstellungen, die bereits liefen, zu verbessern und ein direktes Engagement der Besucher durch die Integrierung von storytelling in der allgemeinen Kommunikationsstrategie zu schaffen.

Musee Minneapolis

Quelle: Minneapolis Institute of Art

Um sich so den neuen Erwartungen der Besucher zu stellen, müssen die Museen inskünftig ihre Inhalte, ihre internen Prozesse und die Art und Weise, wie sie mit ihren Kunden interagieren, überdenken. Dies gilt nicht nur für den Museumsbereich. Diese Neuausrichtungen könnten auch erfolgreich von anderen Sektoren der touristischen Industrie übernommen werden.

Bildquelle: Middlesbrough Institute of Modern Art

 

 

Quelle:

Center for the Future of Museums. « TrendsWatch 2017 », American Alliance of Museums, 2017.

 

comments powered by Disqus