Weintourismus als Herausforderung und Chance für die Schweiz

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Freizeitaktivitäten
Weintourismus als Herausforderung und Chance für die Schweiz

Bericht anlässlich des Schweizer Ferientags 2018 – angeregt durch die Präsentation von Pierre-Alain Morard, Präsident von Swiss Wine Promotion

Weintourismus als Geisteshaltung

Der Weintourismus besteht insgesamt aus touristischen Dienstleistungen, welche die Feriengäste auf die Spuren der Herkunft und des Werdegangs des Weins führen und sich seiner Entdeckung widmen. Auch wenn der Besuch der Weinproduktion und die Weindegustation im Mittelpunkt der Aktivitäten stehen, so umfasst der Weintourismus auch die kulturelle Entdeckung des Know-hows und der Lebenshaltung rund um diese Aktivitäten. Die Besichtigung der Reben wird immer öfter mit anderen sportlichen Aktivitäten und Freizeitbeschäftigungen wie Wandern, Radfahren, Spa usw. kombiniert.

Warum kann sich der Weintourismus einer so lebhaften Begeisterung erfreuen? Vielleicht, weil er der aktuellen Geisteshaltung unserer Gesellschaft entspricht. Das moderne Gesundheitsbewusstsein, das darauf beruht, nach dem Besten für die Gesundheit und seinem eigenen Gleichgewicht zu suchen, lässt uns zu einer bestimmten Form der Natürlichkeit zurückkehren. Man kann eine Aufwertung der biologischen Landwirtschaft und ihrer lokalen Produkte  miterleben. Zudem hat paradoxerweise die Intensivierung der virtuellen Beziehungen über das Internet (soziale Netzwerke) dazu geführt, dass den zwischenmenschlichen Beziehungen und der Geselligkeit wieder mehr Bedeutung beigemessen wird. Bei den Reisen zeigt sich das in dem ausgeprägten Bedürfnis, andere Kulturen zu entdecken.

Zur selben Zeit hat sich das manchmal «exklusive» Image des Weins verändert.  Die Degustation wird lockerer und spricht ein wesentlich breiteres Publikum an.

«Weintourismus entspricht einer Geisteshaltung». P.-A. MORARD, Präsident von Swiss Wine Promotion

Weltweiter Weintourismus im Aufwind

Die Zahlen des weltweiten Weintourismus bestätigen die Dynamik dieses Sektors. Mit 23 Millionen Weintouristen und 7 Milliarden Dollar wirtschaftlicher Wertschöpfung positioniert sich Kalifornien vor Frankreich, Italien und Spanien. Aber auch die Weinländer des alten Kontinents können gute Ergebnisse aufweisen. Gemäss Atout France stieg die Anzahl der Weintouristen in Frankreich von 7 Millionen im Jahr 2009 auf 10 Millionen im Jahr 2016, mit einem Gesamtumsatz von 5,3 Milliarden Euro. Auf der anderen Seite der Alpen beziffert Italien die Wertschöpfung, die durch den Weintourismus erzielt wird, auf 5 Milliarden Euro.

Die Schweiz auf der Karte des Weintourismus

Es gibt sechs Weinbauregionen: Drei-Seen-Land, Genf, Waadtland, Wallis, Tessin, Deutschschweiz (Zürich, Schaffhausen, Sankt Gallen, Thurgau, Aargau, Graubünden und andere). Das Wallis gilt als führende Weinbauregion. Es vereinigt 33 % der nationalen Weinbaufläche und zählt mehr als 600 Produzenten. Der Kanton verfügt auch, mit rund 60 Sorten, über die grösste Varietät an Rebsorten.

Auch wenn der Schweizer Weinbau bescheidener ist als derjenige seiner Nachbarländer, gibt es dennoch genügend Argumente, um den Weintourismus zu fördern. Die Schweizer Weinbaufläche liegt weltweit gesehen an 20. Stelle. Es werden in der Schweiz aber immerhin 80 verschiedene Rebsorten angebaut. Die geografischen Klimaverhältnisse der Schweiz erlauben den Weinbau sogar bis auf eine Höhe von 1'100 Metern über Meer. Ein anderer Beweis der Schweizer Spezifität zeigt sich darin, dass 36 % der Produktion aus ausschliesslich einheimischen Rebsorten erfolgt.

Initiativen wie der Schweizer Weintourismuspreis oder die Anerkennung von 321 Weinen mit einer Note von 90 und mehr in dem Weinführer Parker bestätigen die Anerkennung der schweizerischen Weine.

Positionierung einer weintouristischen Destination

Der Schweizer Weintourismus zeigt – auch wenn sein Fortschritt gewiss ist – gewisse Schwächen. Nachstehend sind einige Voraussetzungen aufgeführt, um die Positionierung des Weintourismus zu stärken: 

Transparenz. Die wiederholten Lebensmittelskandale haben ein Klima des Misstrauens ausgelöst. Gleichzeitig führten die zahlreichen Gesundheitsmeldungen zu einer Beeinflussung des Kaufverhaltens. Besorgt um ihre Gesundheit und um die ökologischen Auswirkungen, reagieren die Konsumenten sensibel auf die praktizierten Landwirtschaftstechniken. Die Kunden bevorzugen immer häufiger Produkte aus der biologischen Landwirtschaft mit kurzen Produktions-Kreisläufen, denen man eher vertraut. Dies betrifft auch den Weinsektor, bei dem man eine Rückkehr zu stark reduzierten chemischen Beigaben feststellen kann und die biologische Produktion immer mehr Marktanteile gewinnt.

Die junge Generation kehrt zu alten Produktionsmethoden zurück. Eine neue Gruppe von Fachleuten wendet sich der biodynamischen Landwirtschaft und alten Weinbaumethoden zu. Im Wallis setzen mehrere junge Einkellerer eher auf Betontanks und Terracotta Amphoren als auf traditionelle Edelstahltanks und Eichenfässer.

 

Strukturiertes Angebot und klares Marketing. Das Angebot ist zu zerstückelt und somit für die Kunden unübersichtlich. Die Strukturierung des Angebots entsteht durch mehrere Erfahrungen in komplementärer und qualitativer Hinsicht, aber sie entsteht auch durch Aktionen, welche eine leichte Identifizierung ermöglichen.

Die Positionierung eines Labels geht in diese Richtung. In Frankreich wurde beispielsweise das Label «Vignobles et Découvertes», das für drei Jahre verliehen wird, eingeführt, um das Angebot sichtbarer zu machen und um die Qualität der Dienstleistungen rechtfertigen zu können.

Bei dem raschen Fortschritt des e-commerce stellt die Online-Verteilung eine entscheidende Herausforderung dar. Plattformen, die sich dem Weintourismus widmen, helfen dem Kunden bei der Planung seines Aufenthalts und bei der Optimierung seines Einkaufsparcours. Genau dieses Ziel verfolgte Atout France mit seinem nationalen Portal oenotourisme.com. Mit der Absicht, das Angebot nach Region aufzulisten und zu bewerten, hat das Tourismusbüro von Siders (Wallis) die Plattform Vinum Montis geschaffen, auf der es möglich ist, Weinkellerbesichtigungen bzw. Unterkünfte zu reservieren und auch Online-Einkäufe zu tätigen. Das Angebot wird fortlaufend mit der zusätzlichen Integration von Winzern und Einkellerern, die sich ausserhalb der Grenzen des Bezirks Siders befinden, bereichert.

 Vinummontisde

Quelle: Vinum Montis

Das digitale Marketing der Weinbranche muss noch besser ausgebaut werden. Der e-commerce beim Wein explodiert buchstäblich und wird vor allem bei der jüngeren Generation immer populärer. 2016 hat bereits mehr als ein Drittel der Franzosen Wein online eingekauft. Dieser Anteil erreichte bei den 26- bis 35-Jährigen gar 47 %. Das Internet schafft eine neue Kategorie von Kunden, die man als Stammkunden gewinnen kann. Weil sie ihre Einkäufe zusammen mit anderen Online- Konsumprodukten praktizieren, zögern die Kunden nicht, sich nach der Meinung anderer Online-Konsumenten zu erkundigen. Vivino ist als Online-Weincommunity – bei der die Benutzer Weine kaufen, evaluieren und überprüfen können – dafür ein perfektes Beispiel.

Das Marketing ist aber hierzulande noch zu diskret. Die internationale Sichtbarkeit der Schweizer Weine ist schwach. Lediglich 1 % der Produktion wird exportiert und sorgt für das Prestige der Schweizer Weine. Die Organisation von Weinfachmessen in unserem Land sowie die Teilnahme der Schweizer Weine an internationalen Wettbewerben tragen zu einer Förderung des Images der Weine aus der Schweiz bei. Auch wenn es klar ist, dass die Grösse der Weingüter für die Exporte Grenzen setzt, ist es doch aufgrund ihrer Öffnung für ausländische Besucher möglich, die Qualität der Schweizer Weine bekannt zu machen und damit auch Imagepflege zu betreiben. Die Annäherung zwischen Swiss Wine Promotion und Schweiz Tourismus geht in diese Richtung. Zusammen zeigen Beide einen gemeinsamen Willen, die weintouristischen Angebote sowie die Weinprodukte in der Schweiz und im Ausland aufzuwerten.

Die Vereinbarung von soliden Partnerschaften, die auf der Basis von Vertrauen funktionieren, sind unverzichtbar für eine lebensfähige Kooperation.

 

Videos: Pierre-Alain MORARD, Präsident von Swiss Wine Promotion antwortet Tourobs (auf französisch)

 

Fotoquelle: Schweiz Tourismus

Quellen:

Pierre-Alain MORARD, « L’Œnotourisme, un défi pour la Suisse ! », Journée Suisse des Vacances, 18 avril 2018

« L'Œnotourisme, un complément de revenu pour les viticulteurs », AFP, veilleinfotourisme.fr, 18 mars 2018

« De jeunes encaveurs valaisans remettent au goût du jour des méthodes de vinification ancestrales », Rhone FM, 5 avril 2018

« Swiss Wine Promotion devient partenaire officiel de ST », HTR, 29 mars 2018

 

Mélanie Harouel, « Filière vin et digital – Pourquoi vous devez être présent sur Internet ? », Powertrafic, 12 avril 2017

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