Das Ende des traditionellen Tourismus

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Das Ende des traditionellen Tourismus

Nach der Woche des e-Tourismus auf La Réunion kann von den intensiven Gesprächen mit den frankophonen Teilnehmern an der e-Tourismus Woche berichtet werden.  Ein erster Teil wurde bereits in dem vorangehenden Artikel erläutert, der sich mit der Herausforderung auseinandersetzt, den Residenten einen Platz in den Tourismusstrategien zuzuweisen.

In diesem zweiten Artikel wird der Ton wesentlich persönlicher, weil die Diskussionen sehr inspirierend waren. Es handelt sich dabei um einen Kurswechsel unseres Tourismus. Und es muss ausdrücklich «unser» betont werden, weil sich die Veränderung des Tourismus, die aktuell im Gang ist und uns alle betrifft, auch um Problemstellungen und Besucherprofile dreht, die mit unseren eigenen Befürchtungen zu tun haben. Die Tourobs-Akteure, Leiter von Tourismusbüros, Berater, Tourismusvereinigungen, Gastwirte, Begleiter bei sportlichen Aktivitäten, Ausbildner, Universitätsabsolventen, Private oder Institutionen, Belgier, Franzosen (Festland und Übersee), Québécois und Schweizer waren sich in der Tatsache einig, dass für den Tourismus eine neue Ära beginnt. Und dies gilt nicht nur für die Perspektive des Digitalen. Der e-Tourismus wurde dabei sogar für einen Augenblick beiseitegelegt.

Man war sich dabei bewusst, dass das Digitale nicht helfen wird, die Konflikte zu lösen, die durch den overtourism erzeugt werden, d. h. einen echten Sinn von Gastfreundschaft zu entwickeln oder zu helfen, den Rückzug der öffentlichen Hand aus dem Sektor zu überbrücken.

Unter Berücksichtigung der Erfahrungen und der Expertisen von allen Teilnehmern, aber auch unter Berücksichtigung des veränderten Reiseverhaltens der Touristen, das sich bereits abzuzeichnen beginnt, haben die Tagungsteilnehmer versucht, sich den Tourismus der Zukunft vorzustellen. Besser gesagt, den Tourismus, den sie sich in Zukunft wünschen.

End Of Tourism

Quelle; Copenhague Tourisme

Hin zu einem transformationellen Tourismus

Durch eine Veränderung unseres Verhältnisses zum Faktor Zeit hat der low cost Transport zu einer Begeisterung für Kurzaufenthalte geführt. Es ermöglichte uns, zu geringen Kosten Europa zu bereisen, sogar die ganze Welt (mit den low cost Langstreckenflügen) zu durchqueren und das in wenigen Stunden für wenige Stunden Aufenthalt! Diese Reisebegeisterung und der Konsum ganz im Allgemeinen zeigen nun Ermüdungserscheinungen (vor allem bei den Reisenden).

Es tritt eine neue Generation von Reisenden in Erscheinung, die nicht mehr lediglich Besuche sammeln wollen, sondern aus ihrem Aufenthalt ein transformationelles Erlebnis machen wollen, an dem sie wachsen und sich verändern können.  Das kanadische Tourismusobservatorium hat übrigens kürzlich einen ausführlichen Artikel zu diesem Thema veröffentlicht.

Die Gastfreundschaft im Mittelpunkt

Die ständige Intensivierung der virtuellen Internetaktivitäten hat paradoxerweise den Bedürfnissen nach echten menschlichen Interaktionen und Geselligkeit Aufwind verliehen. Die Reise muss wieder ihren ursprünglichen Sinn ergeben. Dies erfolgt hauptsächlich durch die Begegnung mit den Bewohnern und durch die Prägung ihres Lebensmittelpunktes.

Die DMOs ermutigen die Begegnung zwischen Reisenden und Bewohnern. Kopenhagen entwickelt sich auch in dieser Richtung. Die Stadt hat das Wort «Tourist» aus dem Vokabular gestrichen, um dem Besucher zu vermitteln, dass man ihn als temporären Besucher der Stadt völlig assimiliert wahrnimmt. Dieser Wechsel der Geisteshaltung, die durch eine tiefe Überzeugung motiviert ist, die Gastfreundschaft wieder aufleben zu lassen, führte zur Ausarbeitung der Strategie 2020, die auf dem Konzept des Localhood aufbaut.

Localhodd Strategie

Quelle: localhood.wonderfulcopenhagen

Im vergangenen Jahr machte Pierre Eloy mit dem blog etourisme.info eine sehr gute Synthese seiner Strategie in 8 Punkten. Sie wird hier fast wortwörtlich wiedergegeben:

The experience of temporary localhood: Ein «Tourist» ist für einige Stunden oder einige Tage ein Lokaler... und kann ganz einfach ein Lokaler werden (permanenter Residenter oder einer mit Zweitwohnsitz).

Locals are the destination: Hinter den fantastischen Landschaften, den Vulkanen, den Bergen, den Stränden, dem Eiffelturm… ist der eigentliche Mehrwert der Mensch.

Branding is all about relations: Die Empfehlungen und die Konversationen sind die Angelegenheit von allen… nicht nur von den Vermarktern.

From marketing to enabling: Die Rolle der DMOs ist im Begriff sich zu verändern, sie verfügen nicht mehr über die Exklusivität der Kommunikation, in Zukunft ruht das Marketing auf einer geteilten Marken-Strategie.

A traveller is all kinds of human: Das Segment der traditionellen Kundschaft wird zu Grabe getragen. Wir sind bereits in einer Welt der Hybridisierung angelangt, wo ein reisender Arbeitnehmer, ein Luxus Backpacker, ein Fastfood Liebhaber sein kann.

Global urban travellers: Die zunehmende Urbanisierung mit dem Reichtum, den sie mit sich bringt, übt einen starken Druck auf die DMOs aus. Letztere werden aufmerksam sein müssen, damit durch die Zunahme der Besucher die Lebensqualität der Einheimischen nicht beeinträchtigt wird.

Digital is yesterday’s question; new data is today’s: Jedermann sammelt zu jeder Zeit Daten. Die Herausforderung besteht darin, die Kapazität zu schaffen, diese Informationen effizient zu sammeln und auszuwerten.

Agility to change and fail fast: Die DMOs müssen auf Richtungsänderungen ein Auge haben,  d. h. auf betriebliche Anpassungen, auf die Entscheidungsfindung in unserer Datenwelt und auf die Verbindungen zwischen den Reisenden und den Ansässigen, die aktuell sich sehr schnell verändern können und möglicherweise an den DMOs vorbeigehen.

Die ausführliche Version der Strategie 2020 von Kopenhagen finden Sie hier!

Tourismus und Glaubwürdigkeit

Der Begriff «Authentizität» wurde von uns allen ein wenig strapaziert. Wenn man genauer hinsieht, erinnert die Definition des Wortes eher an einen notariellen Akt als an ein Erfahrungskonzept.

Es wäre sicher angebrachter, über die Werte der Aufrichtigkeit zu sprechen, über die DNA seiner Destination, ihre Werte und das, was sie wirklich ist, als über Authentizität. Dazu gehört das, was man auf den ersten Blick verstecken möchte: Klischees! Die Tourismusverantwortlichen möchten sich bei ihren Werbeaktionen von dem bisherigen Umgang mit Stereotypen verabschieden und genau hinschauen, um diese Verallgemeinerungen inskünftig geschickt einsetzen zu können.

Nachfolgend das Beispiel von Charleroi in Belgien. 2009 bezeichnete das Magazin de Volskrant Charleroi als hässlichste Stadt der Welt: Ein schwarzes Land, eine Stadt, die mit arbeitslosen Rauchern und Alkoholikern bevölkert sei. Während die Behörden versuchten, die Besucher zu ermutigen die Umgebung zu entdecken, organisierte sich eine Bürgerbewegung, um eine Entdeckungsrundfahrt zu organisieren, die teilweise auf Klischees zurückgriff (Erkundung von verlassenen Fabriken, Phantom Metro oder Besuch des Hauses einer der grössten Kriminellen von Belgien). In der Folge dieses Engagements machten die DMOs eine Kehrtwende und änderten ihre offizielle Kommunikation, indem sie jetzt die Klischees miteinbezogen, um das Angebot des Gebiets auf einen attraktiven Level zu bringen.

Versuchen wir doch so zu bleiben, wie wir sind. Sébastien González hat zu diesem Thema zu Beginn des Jahres einen Beitrag geschrieben und dabei die Iles Féroé als Beispiel genommen.

Einen verantwortlichen Tourismus fördern

Destinationen können/müssen sich organisieren, um der Reise sowohl für den, der besucht als auch für den, der besucht wird, einen Sinn zu geben. Man kann sich zwei Szenarien vorstellen:

  • Ein direkter Einbezug des Reisenden in die Entwicklung des Gebiets mit dem Passeport «Weltreisender».
  • Ein indirekter Einbezug des Reisenden, der dazu beiträgt, eine Stiftung zum Leben zu erwecken, deren Rolle darin besteht, konkrete Projekte zugunsten der Gemeinschaft zu kreieren.
Passeport «Weltreisender»

Bei diesem neuen humanistischen Ansatz bei der Reise kann man sich die Schaffung eines Passeports «citoyen voyageur» vorstellen. Im Gegenzug zu dem Passeport und der Bewegungsfreiheit, die er ermöglicht, könnte der Reisende am lokalen Leben teilnehmen, aber auch zum Schutz der Destination und ihrer Entwicklung beitragen. Dieser Beitrag könnte finanziell sein, aber auch in Form von Zurverfügungstellung seiner Zeit oder dem Einbringen von besonderen Kompetenzen.

Indem er den Passeport beantragt, akzeptiert der Reisende die Vereinbarung des «citoyen voyageur du monde», mit der er seine Bereitschaft bestätigt, sich für andere zu öffnen und sich bereit erklärt, sich im Rahmen der Empfangsgemeinschaft zu engagieren.

Dies bringt für alle nur Vorteile und schafft eine echte «win win» Situation:

Reisende: Gründung einer Gemeinschaft von in der ganzen Welt engagierten Reisenden; gibt einen Impuls für die Rückkehr der Bürgerbewegung, die sich wegen ihres Misstrauens den Politikern gegenüber kaum äussert.

Residente: Wertet die lokale Kultur und das Knowhow auf; ermutigt die Residenten, die Reisenden ethisch korrekt zu empfangen.

Die Destination: Stellt die Werte der Gastfreundschaft in den Vordergrund; stellt die Verbindung zwischen Reisenden und Einheimischen her.

So zeigt sich schliesslich der Status des «engagierten Reisenden», der anerkannt ist.

Warum keine Stiftung?

Behörden und Private akzeptieren, dass das aktuelle Tourismusmodell an seine Grenzen gelangt ist. Warum nicht eine andere Form in Betracht ziehen? Die weder eine politische Plattform wäre noch eine Vereinigung oder ein Syndikat, weder eine touristische Institution noch ein (das x-te) Label, weder eine Lobbying Gruppierung noch eine Bank.

Warum keine Stiftung? Die Teilnehmer des Treffens haben versucht, sich die Umrisse für ein solch neues Modell für die Île de La Réunion vorzustellen und zu definieren: Die Stiftung Esprit Réunion.

Die Stiftung La Rèunion l’Île intense ist überzeugt davon, dass der Tourismus von morgen ein Tourismus des Experimentierens sein wird, des Sinns, des Teilens und der Erziehung. Ein Tourismus, der Mehrwert schaffen wird, sowohl für die Besucher als auch für die Berufstätigen und die Residenten.

Ihre Mission: Transformierungsprojekte mit konkreten und messbaren Aktionen in Schwung bringen; die Reisenden als lokale Akteure im Tourismus von La Réunion sensibilisieren und miteinbeziehen; Mittel beschaffen und Finanzierungsquelle sein; Sinn vermitteln und die Werte mit der Gesamtheit der Mitwirkenden und Akteure teilen.

Ihre Funktionsweise: Die Stiftung wird von Spendern unterstützt, z. B. von Reisenden, von Mäzenen, von juristischen oder privaten Personen und von Freiwilligen. Um die Unternehmen zu ermutigen, die Aktionen der Stiftung zu unterstützen, könnten Steuererleichterungen ins Auge gefasst werden.

Die Beiträge würden in der Folge dazu dienen, konkrete Vorhaben der Projektträger in einer transparenten Logik und Nachhaltigkeit zu fördern oder aufrechtzuerhalten (Ausbildung, Begleitung) und zwar genauso auf ökonomischem wie auf umweltbezogenem, kulturellem, sportlichem, ethischem als auch gesellschaftlichem Niveau.

 Fondation

Man kann die Stiftung als eine Form der Patenschaft für die Destination verstehen. Dieser Ansatz ändert definitiv die Beziehung zwischen der Destination und dem Besucher. Er gibt auch dem aktuellen Marketing eine neue Perspektive bei der Kundenbindung. Die Mitwirkenden, Reisende miteinbezogen, werden informiert, wie ihr Geld eingesetzt wurde, um der Entwicklung eines Projekts zu dienen.

Um nachhaltig zu sein, muss die Stiftung folgende Kriterien erfüllen:

  • schnell – kollektiv – einzigartig
  • vernetzt
  • unabhängig
  • flexibel
  • Sinn und Werte kommunizierend
Das Schlusswort

Zum Schluss eine Feststellung nach Oscar Wild: «Keine Weltkarte ist es wert angeschaut zu werden, wenn das Land der Utopie darauf nicht vorkommt. Denn sie schliesst damit das einzige Land aus, bei dem die Menschlichkeit immer angesprochen wird».

Bringen wir also ein bisschen Utopie in unsere Destinationen, um auf den Weg dieses Tourismus der Werte, des Sinns und der Menschlichkeit zu kommen.

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