Touristische Destinationen und Einheimische: Nehmt Rücksicht auf unsere Einwohner!

Wir sind ganz Ohr

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Management

Patricia Almeida führt das Chalet Le Rucher und ist Vertreterin des Val dHérens. Sie berichtet von den letzten Francophonies du E-Tourisme, einer internationalen Tagung zum Thema E-Tourismus, und erläutert uns ihre Visionen zum Thema Tourismus der Zukunft.

Patricia Almeida

 

Im vergangenen Jahr hatte ich die Möglichkeit am 6.  Frankophonie Treffen des E-Tourismus, das in der Schweiz zu dem Thema «Tourismus und Innovation» stattfand, teilzunehmen. Dieses Jahr habe ich mit Begeisterung davon Kenntnis genommen, dass ich die Möglichkeit bekam, diese Frankophonie-Gruppe erneut zu treffen, um über Tourismus und Residente diskutieren zu können.

Was ist das für eine Herausforderung: Mit 25 Experten aus der Schweiz, Québec, Frankreich und Belgien zusammenzukommen, dem Tourismus von morgen auf die Spur zu kommen. Und ich! Eine kleine vom Tourismus begeisterte Besitzerin eines Gästehauses unter dieser Auswahl von echten Experten. Ein war ein Team von freiwilligen Enthusiasten, bei denen die kollektive Intelligenz Königin ist.

Über den Tourismus und seine Residenten zu debattieren, ist ein herausforderndes Thema, das mich selbst Fragen aufwerfen lässt und für mich besonders wichtig ist. Als Botschafterin meiner Destination liegt mir dieses Thema ganz besonders am Herzen. Ich übernehme der Reihe nach die Rolle der Gastgeberin (mit meinem Gästehaus), der Influenzerin (mit meinem Blog zum Val d’Hérens), der Konsumentin (ich lege Wert darauf, mein Tal im Verlaufe der Zeit immer wieder zu entdecken) und natürlich der Bürgerin!

Touristen ja, aber nicht zu viele!

Welchen Platz nimmt der Einheimische im Leben einer touristischen Destination ein. Können Touristen und Einwohner harmonisch zusammenleben? Was hat der Einwohner für einen Stellenwert und wie kann man ihn in das touristische Angebot miteinbeziehen?

Alle diese Fragen und noch mehr stelle ich mir bereits seit einigen Jahren und genau in diesen Bereich haben wir in den drei Tagen des Austauschs auf La Réunion versucht Licht zu bringen.

Dies ist ein Thema, das ganz perfekt zu dieser Insel am Ende der Welt und zu unserer selbst gestellten Aufgabe passt. Eine an Einwohnern reiche Insel, eine Insel, die stolz auf ihre Traditionen ist. Es ist eine Insel, die es verdient bekannt zu sein, aber nicht zu bekannt! Dies darf nicht zum Nachteil ihrer Bewohner geschehen. Es darf dabei nicht riskiert werden, dass ihre eigenen Werte und ihre Identität verloren gehen. Das ist nicht so einfach!

In der Aussage JA ,ABER NICHT ZU VIELE, finde ich dieselben Fragen, die auch mein Tal betreffen: Das Val d’Hérens. Ein ursprüngliches Tal, bei dem bis heute die Traditionen lebendig sind. Ein Tal mit stolzen Bewohnern, die noch «Patois» sprechen, die immer noch ihre traditionelle Kleidung tragen und stolz darauf sind, jenseits der Klischees ihre ursprünglichen Werte zu vermitteln.

Immer diese Klischees! Wir haben viel darüber gesprochen. Unser Austausch und die Debatten haben mir es ermöglicht zu erkennen, an welchem Punkt das Klischee für uns wertvoll sein könnte. Wir müssen es wagen, unsere Klischees zu übernehmen, benützen und übertreiben! Wenn wir nur ein bisschen Selbstironie in unsere Kommunikation einfliessen lassen würden. Dort, wo man weiss, dass die Klischees vorhanden sind, werden sie zu einem Teil unserer Identität und unsere Besucher lieben uns auch genau dafür. Hören Sie doch einmal!

Der Patois-Akzent erscheint Ihnen sicher klischeehaft! Aber der Alltag unserer Einwohner wird durch diese Art zu sprechen bestimmt. Das ist typisch für uns! Tatiana hat keine Eile und liefert uns gerade ein Beispiel dieser Facette.

Und morgen?

Heutzutage weckt der traditionelle Aspekt unseres Tales das Interesse der Besucher. Die Menge wird durch unseren Respekt vor den Traditionen anlässlich des Carnevals in den Bergen oder durch das Mittsommernachtsfest in Evolène angezogen. Medien und Soziologen interessieren sich für diese Traditionen von früher.

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Aber riskiert man nicht gerade durch die Anziehungskraft auf die Menge, dass diese Veranstaltung, die zu den Schlüsselmomenten unserer Einwohner gehört, banalisiert wird? Wie kann man hier das richtige Gleichgewicht finden? Muss man alles teilen, alles zeigen oder kann man einen Teil seiner Geheimnisse, unserer Mysterien vor unseren Besuchern bewahren? Es muss dabei angefügt werden, dass man sich hier manchmal in einem vollen Widerspruch befindet.

Was wäre, wenn inskünftig Alles überfolklorisiert wäre?

Wenn sich inskünftig unser Tal in der Hand einer unkontrollierten touristischen Wirtschaft befände?

Wenn wir, die Bewohner des Tals, auf unserem eigenen Territorium zurückgedrängt würden?

 

Innerhalb weniger Jahre sah man die «Caldeira de Santorin » durch Touristen von Kreuzfahrtschiffen überflutet, das Massai-Volk aus seinen Ländereien vertrieben, Island wegen des Massenandrangs stöhnen, dass Lissabon vom Tourismus übersättigt ist und Venedig kaum mehr Bewohner hat.

Das Versazsca-Tal geht in den Touristenströmen unter und droht in eine chaotische Situation zu geraten. Oder auch das jüngste Beispiel des Bergrestaurant «Äscher», die bekannteste Instagram-Wirtschaft, die nun aufgibt. Die ist eine traurige Tatsache des perversen Nebeneffekts der Virtualität.

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 Das Versazsca-Tal. Quelle: Ticinonews.ch

 

Und wenn es morgen uns trifft! Wie soll man reagieren? Was gibt es für ein Rezept für eine erfolgreiche Verbindung zwischen der Destination und den Einwohnern? Jean-Luc Boullin macht in der Vorbemerkung zu seinem Beitrag folgendermassen darauf aufmerksam:

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Ein Tourismus mit Wert und Sinn. Werte und Sinn – das sind Worte, die in mir nachklingen.

Anlässlich der zwei letzten Durchführungen des Salons «We Are Travel» (WAT für Eingeweihte), dem Salon für Reiseblogger, habe ich mich für einen Feedback eingesetzt. Im vergangenen April ging es in Millau um ein Feedback zu der Herausforderung, sich ohne zusätzliche Mittel in der Beziehung Destination/Influenzer zu profilieren.

Wat

Und wo bleibt der Mensch?!

Die Einflussnahme ist im Mittelpunkt jeder digitalen Strategie. Man vergisst dabei aber den entscheidenden Wert: Den Menschen.

Bei meinem häufigen Austausch mit der Reisebloggerszene, möchte ich die « Kollegen-Blogger » ohne Tricks empfangen und ihnen mein Tal so zeigen, wie ich es sehe. Ich neige dazu zu sagen, dass ich, wenn ich 365 Tage in meinem Gebiet lebe, dann auch während 365 Tagen Besucher empfangen kann. Es gibt keine Jahreszeiten mehr, keinen Winter mehr, keinen Sommer mehr: Es sind vier Jahreszeiten, die auf das Leben der Einwohner zugeschnitten sind. Den Alltag zeigen, was schön ist und was weniger schön ist, die Authentizität eines Ortes spüren, die Gastfreundschaft seiner Bewohner bekannt machen, eine Verbindung mit ihnen schaffen.

 

Das wahre «live like a local»

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«Leben wie ein Einheimischer»: Jedermann spricht darüber, aber was für ein Versprechen verbirgt sich hinter diesem schönen Satz. Wie kann man ihn konkret umsetzen?

Auf seine Einwohner hören. Sie sprechen lassen, ihre Wahrnehmung des Tourismus herausarbeiten, ihre Gastfreundschaft wecken, sie in ihrer geheimen Entscheider-Mission wahrnehmen. Antizipieren, um nicht zu ertragen müssen.

Mit  Paul, Christian und Frédérique, meinen Kollegen aus der Gruppe, haben wir uns Gedanken zu der Konkretisierung des Engagement der Einheimischen für die Destination gemacht. Wie kann man Einheimische für ein Engagement mobilisieren? Dieses Thema hat mich stark inspiriert.

Es sind bereits zwei Monate vergangen seit diesem faszinierenden Treffen der 8ème francophonies. Ich habe meinen Sommer, angetrieben durch diese kollektive Energie, mit einer neuen Betrachtungsweise bezüglich meiner Rolle als Begrüsser-Bürger-Botschafterin verbracht.

Mich hat die Inspiration nach diesem wertvollen Austausch übrigens nicht mehr verlassen, er liess sie sogar noch anwachsen.

Ich bin und ich bleibe vor allem eine Einheimische meines Tals. Zum diesjährigen «Rentrée» im September fühle ich mich sehr motiviert, um neue Engagements in der Rolle der Einheimischen anzupacken.

 

Ich glaube an einen verantwortungsbewussten und nachhaltigen Tourismus und dieser ist zwangsläufig mit einem erfolgreichen Zusammenwohnen von Einheimischen und Besuchern verbunden.

Denn die Gastfreundschaft ist die Angelegenheit Aller.

Ich bin auch ganz persönlich davon überzeugt, dass in jedem von uns ein Botschafter schlummert, der bisher ignoriert wurde.

Einwohner, Fans, Freunde, Besucher des Val d’Hérens, wollen Sie mir helfen, diese Gemeinschaft der Bewunderer des Val d’Hérens ins Leben zu rufen?

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