Grenzenlose Outdoor-Aktivitäten in den Alpen

Schutz der Winterquartiere für Birkhühner im Wallis

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Nachhaltiger Tourismus
Grenzenlose Outdoor-Aktivitäten in den Alpen

 Photo en titre : © Lionel Favre, apvl.ch

 

Die Alpen als Gebiet mit unbegrenzten Freizeitmöglichkeiten?

«Können Sie sich vorstellen, wie ein Freerider in Ihr Wohnzimmer rennt, während Sie Ihre Lieblingsfernsehsendung ansehen?»  Mit diesem Bild beschreibt Yvon Crettenand – Biologe bei der Dienststelle für Jagd, Fischerei und Wildtiere des Kantons Wallis – den Stress, den Tiere erleiden, wenn ein Athlet unerwartet in ihr Überwinterungsgebiet eindringt. In den Alpen sind Outdoor-Freizeitaktivitäten genauso beliebt wie die boomenden Outdoor-Sportarten. Freizeitbegeisterte werden daher in Zukunft immer häufiger in entlegene Lebensräume vordringen.

Ist die Schweiz ein Land mit unbegrenzten Freizeitmöglichkeiten? «Es gibt viele Belastungen, sowohl im Winter als auch im Sommer», erklärt Yvon Crettenand, der sich mit dem Trail Running zu einer der neuesten dieser Outdoor-Aktivitäten äussert. Diese anspruchsvolle Sportart zieht viele Liebhaber an, die in den Sommermonaten trainieren. «Sportler gehen überall hin, auch auf bisher ungenutzte Felsrücken, dem letzten Refugium für die Alpenfauna». Heute wollen sich einige Touristen «allein in der Welt fühlen». Und jeder sportliche Mensch, mit jeder Art von Training kann die letzten wilden Flächen der Alpen leicht erreichen. «Im Sommer ersetzt das Mountainbiken das Skifahren», seufzt Yvon Crettenand. Mountainbiker verlassen die ausgetretenen Pfade und durchqueren die Rhododendron-Heidegebiete in den Vogelschutzgebieten, in denen das Birkhuhn nistet. Dieses Phänomen wird mit der wachsenden Popularität von Elektro-Mountainbikes sicherlich noch zunehmen, die neue Plätze für Freizeitaktivitäten in Berggebieten eröffnen werden, die bisher nur einer Sportelite zugänglich waren.

 

Kampagne «Respektieren deine Grenzen»

2013 wurde eine öffentliche Informationskampagne gestartet, um die Beeinträchtigung der Tierwelt im Winter zu begrenzen. Im ganzen Kanton Wallis wurden nicht weniger als 142 empfohlene Ruhezonen festgelegt und ausgewiesen. Jedes dieser Gebiete stellt ein vorrangiges Winterquartier für Wildtiere dar. Diese Sensibilisierungskampagne sollte nach Angaben des Verbandes, gemäss der Vereinigung Fauna vs, freiwillig informativ, sanft und in einigen Bereichen ohne rechtliche Einschränkungen sein.

Respektieren

Internetseite «Respektieren deine Grenzen» mit Karten von Ruhezonen für Wildtiere

 

Überwinterungsplätze für das Birkhuhn

Der nachhaltige Schutz störungsempfindlicher Arten in einem so dicht besiedelten Land wie dem unseren kann nur gewährleistet werden, wenn die Nutzer diese Zonen und Zeiten der Ruhe akzeptieren und die Verbote einhalten. «Dies ist leider nicht der Fall», erklärt Professor Raphaël Arlettaz, dessen Naturschutzbiologenteam die Konflikte zwischen Wintersport und Birkhuhn im Wallis untersucht hat. «Im Skigebiet Anzère, in dem ein Pilotprojekt getestet wurde, werden die Winterquartiere des Birkhuhns nicht respektiert und die Hinweisschilder wurden sogar zerstört.» «Wie können diese Ruhezonen respektiert werden, wenn der Off-Pisten-Enthusiast bereit ist, sein Leben in Gefahr zu bringen, um seinen Traum vom Pulverschnee zu erfüllen?», fragt sich der Biologe.

 

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Hinweisschild auf ein Winterquartier für das Birkhuhn. Quelle: Bertrand Posse, Schweizer Vogelwarte.

 

Die Antwort ist einfach. Sobald die Rückzugsgebiete auf wissenschaftlicher Grundlage festgelegt und von der Mehrheit der Beteiligten genehmigt wurden, ist es unerlässlich, die Mittel mit ihren rechtlichen Massnahmen bereitzustellen, um sicherzugehen, dass die Hinweisschilder auch respektiert werden. Natürlich sind ausreichende Informationen vor Ort notwendig, aber es muss auch eine Politik der systematischen Repression durch staatliche Akteure etabliert werden. Denn die gute Nachricht ist, dass ein Zusammenleben zwischen Skifahrern, Winterwanderern und Birkhühnern durchaus möglich ist. Laut Raphaël Arlettaz kann ein 40 Hektar grosses Reservat mitten in einem Skigebiet ausreichen, um den Erfolg der Überwinterung der Art zu gewährleisten, vorausgesetzt diese Gebiete bleiben «Zonen absoluter Ausgrenzung». Wissenschaftler haben 31 dieser Gebiete im Wallis abgegrenzt.

 Mettaz Trace

Ein paar Tage nach einem Schneefall. Alle Skifahrer wollen ihre eigene Spur im Pulverschnee ziehen und dabei schnell grosse Flächen abdecken. Unsichtbar für Skifahrer verbringt das Birkhuhn in der Regel 20 Stunden am Tag in im Schnee gegrabenen Iglus, um die Energieverluste so weit wie möglich zu reduzieren. Man kann sich die Störungen vorstellen, die durch dieses «Überfluten der Winterquartiere» durch die Skifahrer verursacht werden. Foto: S. Mettaz.

 

Das Beispiel des Skigebietes Fellhorn in Bayern (Deutschland)

Das bayerische Skigebiet Fellhorn ist in dieser Hinsicht vorbildlich. Bereits 1995 wurde ein strenger Schutz eines Winterquartiers des Birkhuhns entlang der Hänge beschlossen. Die Ausdehnung des empfindlichen Bereichs ist klar abgegrenzt. Der Skifahrer wird über Informationen in den Seilbahnkabinen und mittels Informationstafeln am Rand des Schutzgebietes über das Vorhandensein dieser Schutzzone informiert. Auf dem Boden sind Kontrolleure am Patrouillieren. Zuwiderhandelnde riskieren eine Geldstrafe von 500 Euro und den Entzug ihres Skipasses! Diese Massnahme erwies sich als sofort wirksam. Die Skifahrer respektieren das Verbot und die Bevölkerung des Birkhuhns gedeiht in diesem Gebiet wieder.

Und wie geht es weiter?

In einer Zeit, in der ein Teil der jungen Schweizer Bevölkerung für den Klimaschutz demonstriert und damit ihre Sensibilität für Umweltursachen beweist, würde sich doch die Gelegenheit bieten, dass sich die Skigebiete am Schutz einer Art mit einem starken Sympathiekapital beteiligen könnten? Eine den meisten unserer Besucher unbekannte Biodiversität – aber genauso exotisch wie in den Tropen – existiert direkt neben unseren Skipisten. Eine Gelegenheit für Skigebiete, ihr Image zu verbessern? Es ist nicht verboten zu träumen.

 

 Caricature

Source: Raphaël Arlettaz 

Referenzen

Arlettaz Raphaël, Patthey Patrick & Veronika Braunisch (2013) Impacts of Outdoor Winter Recreation on Alpine Wildlife and Mitigation Approaches a case study of the Black Grouse, in Rixens C., Rolando A. (eds). The impacts of Skiing and Related Winter Recreational Activities on Mountain Environments, Bentham Books, 137 – 154

fauna vs (2014) Création de zone de tranquillité en Valais : prise de position de fauna vs 25, 14-15. En français http://www.fauna-vs.ch/upload/info25_franz_web.pdf En allemand http://www.fauna-vs.ch/?p=news&page=4&id=62&action=detail&lg=de

Munkler Michael (2014) Wider mehr Raufusshühner am Fellhorn. Allgäuer Zeitung. https://www.regionalentwicklung-oberallgaeu.de/download/pda_24022014_az@ke-019_run.pdf

Posse Bertrand, Keusch Peter, keller Verena & Reto Spaar (2011) Concept pour la sauvegarde des oiseaux en Valais, Rapport de la Station ornithologique suisse et du Service des forêts et du paysage, Canton du Valais, 158 p.

Werner Stefan, Jenni-Eiermann Susanne (2018) Au pays des loisirs illimités? In Station ornithologique suisse, Atlas des oiseaux nicheurs de Suisse 2013 – 2016. Distribution et évolution des effectifs d’oiseaux en Suisse et au Lichtenstein, 110-111

 

 

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